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Ägyptischer Aktivist in Deutschland:Kämpfen, hungern, fliehen

Ein Militärgericht verurteilt den jungen Mann zu drei Jahren Haft wegen "Beleidigung des Militärs", "Verbreitung falscher Informationen" und "Störung der öffentlichen Ordnung". Zu diesem Zeitpunkt ist die Übergangsregierung gerade einmal zwei Monate jung und halb Ägypten befindet sich noch im Freudentaumel der Revolution. Vielen glauben, dass jetzt alles besser werden muss in dem Land am Nil.

Maikel Nabil Sanad

Maikel Nabil Sanads Internetblog - sein Sprachrohr. Doch kurz nach einem militärkritischen Blogeintrag kamen Soldaten ihn holen.

(Foto: Screenshot www.maikelnabil.com)

Am 23. August beginnt der schmale Sanad nach eigenen Angaben einen Hungerstreik. Phasenweise nimmt er nahrhafte Flüssigkeiten wie Milch oder Fruchtsäfte zu sich, phasenweise verweigert er sogar Wasser und Herzmedikamente, die er dringend braucht. Er fällt ins Koma, sein Bruder Mark glaubt, sein sturer großer Bruder werde sterben, und initiiert endlose Solidaritätskampagnen, Demonstrationen, Märsche für ihn, die international Anhänger finden. Am 31. Dezember beendet er seiner Aussage zufolge das Hungern, vier Wochen später kommt er frei.

"Wenig Platz, keine Zeitungen oder Internet, alle zwei Wochen eine halbe Stunde Besuch von Angehörigen", so beschreibt er selbst seine Haft. Seine Nüchternheit und stoische Gefasstheit hat etwas Beklemmendes. Von seiner Flucht will er nicht sprechen.

Von seiner Begnadigung erfährt er aus dem Fernsehen

Er erfährt von seiner Begnadigung am 21. Januar 2012 - er und 2000 andere sollen freikommen. Am Vorabend des Jahrestags der Revolution wird er auf seine Zelle geschickt und soll Sachen packen. "Der Oberste Militärrat fürchtete den Jahrestag und erneute Ausschreitungen", sagt Sanad, "sie taten alles, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Die Freilassungen waren ein Besänftigungsakt." Als er aus dem Gefängnis trat, dämmerte es schon. Sein Bruder wartete auf ihn, auch die Eltern waren da, angereist aus Oberägypten. "Ich fühlte einen großen Sieg", sagt Sanad. "Die Kampagne meines Bruders hat diesen Schritt bewirkt."

Über die vielen Probleme, die sein Engagement für seine Eltern mit sich brachte - die Degradierung des Vaters vom Bankdirektor zum Schalterbeamten in Asyut, und die Sorge, dass den Eltern etwas zustoßen könnte - spricht er nicht in Frankfurt. Nur: "Meinen Eltern geht es gut. Sie nehmen eine Auszeit, so wie wir alle."

Für Maikel Nabil Sanad bedeutet diese Auszeit zugleich einen radikalen Schnitt: Er wendet seinem Land den Rücken zu. Nach der Deutschlandtour mit seinem Bruder Mark wird dieser allein nach Kairo zurückfliegen. Sanad bleibt. Er, für den es das Schlimmste war, "Vaterlandsverräter" genannt zu werden. Er, der anfangs jeden Tag auf dem Tahrir-Platz verbrachte und für die Freiheit seines Landes kämpfte, kehrt nicht zurück. In Erfurt wird er einen Master in "Public Policy" beginnen. So sei es vor einem Jahr geplant gewesen, dann sei er verhaftet worden, sagt er.

"Ich liebe dich, die Freiheit"

Auch wenn er bekräftigt, dass er seine Aktivitäten von Deutschland aus weiterführen werde, und Mark ja vor Ort sei, klingt das nur wie die halbe Version der Geschichte. Das Stipendium nimmt den Blogger erst einmal aus der Schusslinie, bis sich die Wogen in Ägypten etwas geglättet haben. Das Studium schützt ihn vor weiteren Konsequenzen. "Es sind nur zwei Jahre", sagt er beschwichtigend. Deutsch hat er noch nicht gelernt, das wird nun in einem Crashkurs kommen. Nur eine Sache steht bereits jetzt in seinem Blog: "Ich liebe dich, die Freiheit"

Maikel Nabil Sanad und sein Bruder Mark sind bis 31. Mai im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Ägyptischer Frühling - zwischen Revolution und Militärherrschaft" in Deutschland unterwegs und werden an mehr als zehn Orten in Deutschland über ihre Aktivitäten und Ägypten referieren. In Hamburg, Bremen, Mainz und vielen weiteren Orten werden die Brüder ein differenziertes Bild über die Lage in Ägypten, die Präsidentschaftswahlen, ihre Arbeit zu Kriegsdienstverweigerung und Aktivitäten in der Demokratiebewegung zeichnen.

© Süddeutsche.de/sebi/lala
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