Abgas-Skandal:Elf Millionen "EA 189"

Lesezeit: 2 min

Am Anfang war nur von etwa 500.000 Motoren die Rede, die in den USA mit manipulierter Software fahren. Doch am Dienstag räumte der VW-Konzern ein, dass die Dimension viel größer ist. Denn die Motoren wurden weltweit eingesetzt.

Von Joachim Becker

Ein Motor unter Generalverdacht: "Auffällig sind Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189 mit einem Gesamtvolumen von weltweit rund elf Millionen Fahrzeugen", heißt es am Dienstag lapidar in einer Erklärung, in der VW zu den Vorwürfen der US-Behörden Stellung bezieht, die Software bei Dieselmotoren manipuliert zu haben. Der Satz hat es in sich: Statt bisher 500 000 VW-Dieselautos in den USA sind auf einmal elf Millionen Fahrzeuge betroffen. Weltweit, auch in Deutschland. Der Satz wirft eine Reihe von Fragen auf, und nicht nur er. Denn weiter heißt es: "Die beanstandete Software beeinflusst weder Fahrverhalten, Verbrauch noch Emissionen. Somit besteht für Kunden und Händler Klarheit." Doch klar ist da nichts.

Bekannt ist bisher nur, dass es sich um ältere Modelle des Zweiliter-Vierzylinder-Motors mit Direkteinspritzung und Turboaufladung (TDI) handelt. Sie wurden noch nach der Emissionseinstufung EU 5 zertifiziert, die indes erst jetzt, Anfang September, verschärft wurde. Der beanstandete Motor mit dem firmeninternen Kürzel "EA 189" wurde seit 2007 in den VW-Modellen Jetta, Golf, Beetle, Tiguan und Passat eingebaut, bei Audi im A1 und A3 TDI sowie in Škoda-Modellen. Aktuelle Neuwagen müssen in Europa nach der EU-6-Norm zertifiziert sein. Sie erfüllen laut VW die gesetzlichen Anforderungen und Umweltnormen - sie sind also nicht betroffen.

Der Motor wurde für die USA entwickelt - doch weltweit verbaut. Keiner weiß, warum

Fachleute rätseln aber, warum überhaupt statt der rund 500 000 in den USA beanstandeten Autos nun von elf Millionen Fahrzeugen die Rede ist. Denn die amerikanischen VW-Dieselmodelle sind nicht einfach Exportwagen nach europäischem Zuschnitt. Um die US-Abgasnormen erfüllen zu können, wurde der 2.0-Liter-TDI-Motor im VW Jetta komplett überarbeitet. Zu den technischen Besonderheiten dieses Motors gehört ein optimiertes Einspritzsystem, eine Niederdruck-Abgasrückführung und ein neues Brennverfahren inklusive Zylinderdruckregelung. Zum Start dieser US-Variante war ein solches System noch weitgehend technisches Neuland in der Serienfertigung. Erforderlich war auch ein völlig neues Motorsteuergerät: "Im Ergebnis ist eine neue Architektur hinsichtlich Hardware und Software für das Motorsteuergerät entwickelt und zur Serienreife gebracht worden", heißt es in einem VW-Vortrag für das Wiener Motorensymposium 2008. Auch die "Entwicklung neuartiger Regelalgorithmen" wird als technische Glanzleistung herausgehoben. "Der neue 2,0 l 4V TDI mit Common Rail Technik wird im VW Jetta ab Mitte 2008 in den USA die weltweit strengsten Abgasgrenzwerte der Emissionsgesetzgebung BIN5/LEV2 erfüllen", so das Fazit der stolzen VW-Entwickler in ihrem Kongressmanuskript. Zufall ist eine Umprogrammierung der Software für diesen EA 189 also sicher nicht.

Während Volkswagen in Europa damals gerade erst den Partikelfilter flächendeckend eingeführt hatte, sollte den Amerikanern ein Dieselauto auf dem neuesten Stand der Technik geliefert werden. Bis dahin gab es allerdings kaum Erfahrungen mit einem Vierzylinder-Diesel auf dem US-Markt. Im Vergleich zu einem Sechszylinder läuft der kleinere Motor häufiger im höheren Lastbereich und stößt nicht nur mehr, sondern auch Abgase mit höherem Schadstoffanteil aus. Das sollte Folgen haben.

Zur SZ-Startseite