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800 Jahre Magna Charta:Man achte auf das Kleingeschriebene

Magna Carta: Law, Liberty, Legacy Opens At The British Library

Eine der vier erhaltenen Exemplare der Magna Charta von 1215.

(Foto: Getty Images)

Es geschah im Jahre 1215: Vor 800 Jahren wurde die erste Magna Charta unterzeichnet, der Grundstein des angelsächsischen Rechtssystems. Ausgerechnet einer der schlechtesten Herrscher der englischen Geschichte verbriefte die Freiheitsrechte erstmals - der Adel zwang ihn dazu.

Im März 1941 stand Großbritannien gegen Nazideutschland mit dem Rücken zur Wand. Als Dank für die geleistete Hilfe, und um einen Anreiz für einen amerikanischen Kriegseintritt zu schaffen, kam die Idee auf, den Amerikanern eine der erhaltenen mittelalterlichen Versionen der Magna Charta zu schenken: "Wenn wir nur einmal in unserem Leben unsere Vorsicht aufgeben und unseren kostbarsten Besitz unseren besten Freunden anbieten würden", so eine Notiz aus dem britischen Außenministerium, "könnte der Ertrag unschätzbar sein, heute und in Zukunft." Der Vorschlag wurde Premierminister Winston Churchill vorgelegt, der die Schenkung ernsthaft in Erwägung zog.

Letztlich wurde nichts daraus, vor allem deshalb, weil sich herausstellte, dass die Abschrift, um die es ging, gar nicht dem Staat gehörte, sondern der Kathedrale von Lincoln. Was diese Episode dennoch eindrucksvoll illustriert, ist der Wert, welcher der Magna Charta zugemessen wurde.

In der Londoner British Library werden derzeit die Magna-Charta-Memos von 1941 gezeigt, mit handschriftlichen Anmerkungen Churchills. Sie sind Teil der Schau "Magna Charta - Gesetz, Freiheit, Vermächtnis", der größten Ausstellung, die diesem Dokument je gewidmet wurde.

Eher ein Friedensvertrag

Im kommenden Juni wird der 800. Jahrestag der Magna-Charta-Ratifizierung begangen. Sie gilt heute als Grundstein nicht nur der britischen und der amerikanischen Rechtssysteme, sondern der Rechtsprechung aller ehemaligen britischen Kolonien und Commonwealth-Staaten, und hat damit einen direkten Einfluss auf das Leben eines Drittels der Weltbevölkerung.

Eine Abstammungsurkunde von König John, genannt "Ohneland" (1167-1216).

(Foto: British Library)

Artikel 39 der ersten Magna Charta wird sogar als Grundprinzip jedes Rechtsstaates angesehen: "Kein freier Mann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner Güter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst wie angegriffen werden; noch werden wir ihm etwas anderes zufügen oder ihn ins Gefängnis werfen, außer durch das rechtmäßige Urteil durch seinesgleichen, oder durch das Gesetz des Landes."

Seitdem haben sich von politischen Verschwörern bis zu Euro-Skeptikern, von amerikanischen Revolutionären bis zu den Verfassern der Europäischen Menschenrechtskonvention die verschiedensten politischen Lager auf die Magna Charta berufen. Sie gilt, zumindest im englischsprachigen Raum, als bedeutendstes Rechtsdokument überhaupt, als Garant individueller Freiheit gegenüber der Staatsmacht.

Dabei war der Freibrief, den wir heute Magna Charta nennen, eher ein Friedensvertrag, und zwar einer, der zunächst nur einer kleinen adligen Elite zugutekam, und der in seiner ersten Fassung nicht einmal zehn Wochen lang gültig blieb. Paradoxerweise verdanken wir ihn zudem einem der schlechtesten Herrscher, die England je gehabt hat.

König John, der seinem berühmten Bruder Richard Löwenherz 1199 auf den Thron nachfolgte, war ein kleingeistiger und streitsüchtiger Mann, und ein Meister darin, es sich mit allen bedeutenden Zeitgenossen zu verscherzen: Er ließ vermutlich seinen Neffen Arthur umbringen, der einen solideren Anspruch auf den Thron hatte als er selbst. Er galt als glaubensschwach (im Mittelalter ein sehr schwerer Vorwurf) und umgab sich mit einer Clique unerzogener Höflinge, während er den mächtigen englischen Baronen zutiefst misstraute.

Vor allem aber verlor er Englands Territorien in Nordfrankreich, und trug seither den Spitznamen "Ohneland". Um die - durchgehend erfolglosen - Rückeroberungsversuche finanzieren zu können, erlegte er dem englischen Adel horrende Steuern auf. In der British Library sind die offiziellen "Tally Sticks" ausgestellt, Haselholzstöckchen, in die Kerben als Beleg erfolgter Steuerzahlungen geritzt wurden.

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