bedeckt München
vgwortpixel

500 Jahre Reformation:Die Lutherin

"Vergnügt, erlöst, befreit": Fünf Jahre lang hatte Margot Käßmann als Botschafterin des Reformationsjubiläums die schwierige Aufgabe, Martin Luther einer Welt zu erklären, der der Reformator fern ist.

Lichtfest erinnert an friedliche Revolution

Margot Käßmanns große Aufgabe: Die Reformation von vor 500 Jahren ins Heute übersetzen, und zwar so, dass die Historiker nicht aufschreien, die Radiomoderatorin zufrieden ist und die Traditionslutheraner auch.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Jetzt gilt es frisch zu sein, die Stimme freundlich zu färben und die Sätze kurz zu halten. Ein nebeltrüber Berliner Oktobermorgen mit der Ausstrahlung eines Totensonntags wabert vorm Bürofenster, doch da ist diese supermuntere Radio-Moderatorin am Telefon, die den Leuten da draußen ein bisschen was über Martin Luther und dieses Reformationsjubiläum vermitteln will, drei Minuten hat sie Zeit.

"Hallo, Frau Käßmann!" Hallo. Was besonders ist an diesem Fest? Dass es nicht nationalistisch und anti-katholisch gefeiert wird wie früher, sondern gemeinsam mit allen Christen aus aller Welt. Und Luther? Die deutsche Sprache hat er geprägt, Wörter wie "Lückenbüßer" oder "Geizhals" erfunden. Sollte es den freien Reformationstag nicht jedes Jahr geben? Ja, es ist wichtig zu wissen, was die Wurzeln und Traditionen eines Landes sind. Aber geht das nicht unter, wenn alle Halloween feiern, was doch viel moderner ist? Margot Käßmann verdreht die Augen. "Was soll am Geisterglauben modern sein?", fragt sie zurück. Luther habe den Menschen die Angst vor Geistern nehmen wollen.

Fünf Jahre lang war das die Aufgabe von Margot Käßmann, der Reformationsjahrs-Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Martin Luthers Botschaft in eine Welt übersetzen, der dieser Luther fern ist, sein Kampf gegen den Ablass fremd, seine Höllenangst unverständlich. Sie soll ein Ereignis von vor 500 Jahren ins Heute übersetzen, und zwar so, dass die Historiker nicht aufschreien, die Radiomoderatorin zufrieden ist und die Traditionslutheraner auch. Eine große Aufgabe. Sie hat Käßmann auf eine kleine neuseeländische Insel an der Datumsgrenze geführt, wo sie das Reformationsjahr 2017 begrüßte, in die USA, nach China, Bangladesch, fast überallhin, wo ein paar Lutheraner leben, die zum Jubeljahr Besuch aus der Heimat der Reformation wünschten, auch wenn mancher Pastor oder Bischof schluckte, dass da eine Frau kam, noch dazu eine, die mal Bischöfin war.

Am Wochenende war sie auf Mallorca und predigte in der voll besetzten Kathedrale von Palma

Vor ein paar Tagen ist sie noch einmal auf Mallorca gewesen, hat in der voll besetzten Kathedrale von Palma gepredigt, die deutsche Gemeinde getroffen. Sie hat persönlich und ohne Kirchenfunktionärsgeschwurbel geredet und aus ihrem Buch vorgelesen: "Sorge dich nicht, Seele". Sorge dich nicht, Seele - das ist der Ton, den ihre Fans so lieben und der ihre Kritiker nervt, die über die "Käßmannisierung" der evangelischen Kirche grummeln. Darüber kann sie lachen; weniger über die sexistischen, islam- und ausländerfeindlichen Briefe, die sie erreichen.

Heute ist es eher ein Graubrottag im Leben der Reformationsbotschafterin: sieben Interviews und eine Podiumsdiskussion am Abend. Der Reformationstag 2017 steht an, die Taktzahl der sich wiederholenden Sätze steigt. Kurz nach elf Uhr ist es, wenn sie jetzt nichts isst, wird das vor heute Abend nichts mehr. Schnell die Jacke übers rostbraune Etuikleid und vom Gendarmenmarkt, wo sie ihr Büro hat, zu Fuß ins Café Einstein. Zeit für eine Bilanz.

Noch einmal und mit neuem Erschrecken hat sie Luthers antisemitische Schriften gelesen

Als 2011 die Reformationsdekade noch jung war und unbekannt im Land, dachten sie bei der EKD: Dieses Jubiläum braucht ein Gesicht. Und es gab ja ein Gesicht, jemanden der nach tiefer Krise eine adäquate Beschäftigung brauchte: Margot Käßmann. Im November 2009 war die Bischöfin von Hannover Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche geworden, die erste Frau an der Spitze des deutschen Protestantismus, Mutter von vier Kindern, die öffentlich über ihre Lebenskrisen redete, die Brustkrebserkrankung, die Scheidung. Eine Revolution schien sich da anzubahnen. Doch dann kam die Alkoholfahrt, auf der sie die Polizei erwischte, der Rücktritt, eine Auszeit. Nun schien die Zeit gekommen, die prominente Kirchenfrau zu reintegrieren. Die Stelle der Reformationsbotschafterin wurde geschaffen, mit Sekretärin, Assistentin, einem kleinen Büro am Ende des Ganges in der Berliner Vertretung der in Hannover residierenden EKD.

Sie habe gezögert, das Angebot anzunehmen, sagt sie. Es gab gegenseitige Verletzungen und Enttäuschungen, und locker hätte sie als Professorin, Autorin, Vortragsreisende leben können. Margot Käßmann ließ sich einbinden, doch die große Liebe wurde es nicht mehr zwischen den Spitzen der EKD und ihrer Lutherbotschafterin; sprach man in den vergangenen Jahren mit den verschiedenen Beteiligten jenseits der offiziellen Statements offenbarte sich eher ein Nebeneinander: Jeder arbeitete auf seine Weise fürs große Jubiläum.

Es sei eine gute und richtige Entscheidung gewesen, sagt sie nun im Café Einstein, "es war eine Arbeit in großer Freiheit und mit vielen Begegnungen." Und sie habe dazu beitragen wollen, dass dieses Reformationsfest anders gefeiert würde als frühere Luther-Jubiläen. Sie las noch einmal und mit neuem Erschrecken die antisemitischen Schriften Luthers und schaudernd die deutschnationalen Elogen des Historikers Heinrich von Treitschke: "Nur deutsches Blut kann Luther begreifen." Mit Freude entdeckte sie dagegen in Luthers Briefen den sensiblen Seelsorger und Vater, der für seine Kinder das Weihnachtslied "Vom Himmel hoch, da komm' ich her" dichtete. Diesen menschenfreundlichen Luther wollte sie vermitteln und seine Erkenntnis, dass Gottes Gnade allen gelte, auch dem Flüchtling, den Kranken und Alten - ohne die Abgründe zu verschweigen. In Hongkong zum Beispiel sei das auf Unverständnis gestoßen: Dass einer abgründig und großartig zugleich sein kann, Sünder und Gerechter in einem, sei vielen Chinesen unvorstellbar.

Die Zeit drängt, der Plan im ARD-Hörfunkstudio ist durchgetaktet: Hessischer Rundfunk, Saarländischer Rundfunk, Südwestrundfunk, Norddeutscher Rundfunk, und dann geht's zum ZDF. Beim HR darf sie sich Musik wünschen, der saarländische Rundfunk fragt bissig, beim SWR wird es intellektuell, beim NDR lockerflockig. Käßmann antwortet im jeweils gewünschten Ton: Noch nie war es so ökumenisch, international und selbstkritisch, das Fest. Irgendwann aber sind die Fragesteller beim Punkt: Wie war das in Wittenberg, Frau Käßmann? Mit den Lücken auf der Festwiese beim Kirchentag, der Leere zum Beginn der so ehrgeizig geplanten Weltausstellung Reformation? Die Reformationsbotschafterin soll erklären, warum das Fest daheim doch nicht in der Breite beim Volk angekommen ist. Waren gar statt der offiziell gemeldeten 120 000 Menschen nur 70 000 auf der Wittenberger Elbwiese? Kurz wirkt Käßmann gereizt. Ja, zäh sei alles losgegangen, aber am Ende sei es richtig gut gewesen bei der Weltausstellung - und voll. Es hätten halt mehr die kleinen, persönlichen Formen gewirkt, die Gespräche, Begegnungen. Und irgendwelche Zahlen brauche man doch, um zu planen, oder?

Noch eine halbe Stunde bis zur Podiumsdiskussion. Wieder wird es um den Ertrag des Jahres gehen, Gesprächspartner ist auch Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats; er wirft der evangelischen Kirche vor, das Jubiläum zu sehr für die eigene Profilierung genutzt und zu wenig für die Zivilgesellschaft geöffnet zu haben. Sie wird wieder dagegenhalten: Noch nie war ein Reformationsjubiläum so offen, international selbstkritisch. Ein mühsames Geschäft; deutschen Residenten in Mallorca Luther nahe zu bringen ist bedeutend angenehmer.

Bei Subway ist wenig los, die Reformationsbotschafterin ordert ein Sandwich zum Mitnehmen, gegessen wird im Büro, das schon den Geist des Ausräumens atmet. Mitte Dezember ist Schluss hier, Margot Käßmanns letzter Arbeitstag wird der 30. Juni 2018 sein. Und dann? "Dann bin ich 60 - und dann ist Schluss." Sie hat ein Haus auf Usedom, dort, wo die Insel nur ein schmaler Landstreifen ist. Die Rentenabschläge nehme sie in Kauf, es gibt vier Enkel, es lockt die Freiheit, zu reden und zu schreiben, was sie mag. "Ich war jetzt 35 Jahre eine öffentliche Person, sagt sie, "jetzt ist es gut". Margot Käßmann als öffentliche Person soll es dann nicht mehr geben. Wie das sein wird, ohne Reisen, Vorträge, Medienecho? Sie zitiert frei, wen sonst, Martin Luther: "vergnügt, erlöst, befreit".

© SZ vom 30.10.2017
Zur SZ-Startseite