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20 Jahre Fatwa gegen Rushdie:Der Feind und seinesgleichen

Vor 20 Jahren verhängte Ayatollah Chomeini die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie. Heute wirkt dieses Todesurteil wie das erste Kapitel einer finsteren Geschichte, die nicht mehr aufhören will. Eine Bestandsaufnahme über das Elend mit den Fundamentalisten.

Von heute aus betrachtet erscheint die Fatwa, die Ayatollah Chomeini vor genau zwanzig Jahren, am 14. Februar 1989, über Radio Teheran gegen Salman Rushdie verhängte, wie das erste Kapitel einer finsteren Geschichte, die nicht mehr aufhören will.

Der Schriftsteller selbst musste für zehn Jahre untertauchen, das Todesurteil wurde mehrmals bestätigt, zuletzt im Frühjahr 2005. Salman Rushdie mag sich schon lange wieder in der Öffentlichkeit bewegen und die Drohungen nicht mehr ganz so ernst nehmen. Aber die Fatwa gilt, und sicher kann er sich nicht fühlen.

Ähnliche Anordnungen folgten, so gegen die pakistanische Publizistin Taslima Nasreen. Und auch die Aufstände, Morde und Drohungen, die durch die Veröffentlichung von zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung im Herbst 2005 ausgelöst wurden, gehören in diese Geschichte.

Sie handelt davon, wie eine Form des Islam, die fundamentalistisch geworden war, der Welt mit furchtbarer Gewalt zeigen will, dass ihr Gott und ihr Prophet nicht der Freiheit der Meinung und der Kunst unterliegen. Die Eigenheit aller vormodernen Gesellschaften, jede Form von Atheismus als Lebensgefahr für Staat und Gesellschaft wahrzunehmen und also in eine lebensgefährliche Angelegenheit für den Atheisten zu verwandeln, scheint in der Fatwa gegen Salman Rushdie fortzuleben, oder besser: wiedergekehrt zu sein.

Alle Argumente gegen diesen Dogmatismus sind geäußert worden. Alle Einwände sind vorgetragen. Sie sind richtig, auch wenn sie sich wiederholen. Die Dogmatiker aber erreicht man dadurch nicht. Sie zeigen, zumindest formell, einen unbeugsamen Willen. Starrsinnig bleiben die Führer, und der Mob scheint nur auf eine Gelegenheit zu warten, um sich aufs Neue entfesseln zu lassen. Da mag man noch so oft den Dialog mit dem Islam beschwören oder sich auf Muslime berufen, die bestreiten, dass eine solche Fatwa überhaupt gilt: Es führt zu nichts. So redet dann der Westen mit sich selbst und muss doch wahrnehmen, dass Einigkeit, die sich nicht erst verständigen muss, eindrucksvoller ist als jedes Gespräch.

Die Wertedebatte, die der Islamismus dem Westen aufzwang, hat daher etwas Erbärmliches: zum einen, weil sie die Hilflosigkeit des Redens angesichts von Gewalt offenbart. Zum anderen, weil die westlichen Werte, auf die man sich zur Abwehr des Angriffs beruft, selbst keineswegs frei von Dogmatismus sind. Man bekennt sich zu ihnen wie zu Heiligen Schriften, bildet sich also selbst nach dem Feind, dem man doch eigentlich hatte widerstehen wollen. So landet man in einem heillosen Widerspruch: Denn wie viel ist die Toleranz wert, wenn man zu ihr verpflichtet wird, wie viel die Freiheit, wenn sie mit Zwang einhergeht, wie viel der Pluralismus, wenn er oktroyiert ist?

Ist der Liberalismus nicht ein mildes Joch?

Die islamistischen Gewalttaten und Drohungen gegen Salman Rushdie und viele andere sind furchtbar, zuerst für die Betroffenen, dann für alle, die solche Niedertracht wahrnehmen und dulden müssen. Doch schlimm ist es auch, wenn der Westen angesichts einer solchen "Herausforderung" selber grundsätzlich wird.

Aber ist der Liberalismus nicht ein mildes Joch, möchte man da einwenden, ist die sanfte Gewalt, die von ihm ausgeht, nicht die Voraussetzung für ein Leben in Selbständigkeit und Freiheit? Gewiss, so ist es, aber der Liberalismus ist nicht die Eigenschaft des Westens, mit dem die meisten Menschen in den islamischen Ländern als erstes Bekanntschaft schließen. Nach außen trägt der Liberalismus ein anderes Gesicht als nach innen, er wird nicht als Liberalismus wahrgenommen, sondern als Anmaßung.

Zuerst sind die Bilder des Westens da, die Fotografien und Filme, die zahllosen Produkte maschinell reproduzierter Tagträume, die, ganz gleich, was sie zeigen - die Liebe, den Luxus, den Selbstgenuss - jeder für sich eine Herausforderung aller Vorstellungen sind, die diese Menschen von einem guten Leben hegen.