bedeckt München 16°

Wilderei:Zum Tode verurteilt

Dabei ist das Problem längst nicht auf Indien beschränkt. In den Reservaten Ostsibiriens, wo heute noch einige hundert Exemplare des Amurtigers leben, verringert sich der Bestand durch Wilderei jährlich um 40 bis 50 Tiere. Und in Taiwans Hauptstadt Taipeh brachte die Polizei vor Monaten ein Schiff aus Indonesien auf, das Knochen von 24 geschützten Sumatra-Tigern geladen hatte - fünf Prozent der aktuellen Population.

Die Wilderei trifft die so Tiere hart, weil sich ihre Bestände trotz normalerweise guten Geburtenraten immer schlechter regenerieren können. Heute leben weltweit nur noch etwa 6000 Tiger auf viele Reservate verstreut. Laut einer aktuellen Studie des WWF ist ihr Lebensraum in Indien und Südostasien seit 1995 durch Siedlungs- und Plantagenbau um 40 Prozent geschrumpft - auf sieben Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes. Stefan Ziegler ist sich dennoch sicher, dass größere Populationen Überlebenschancen haben, wenn die Wilderei bekämpft und Reservate zusammengeführt werden. Es sei wichtig, neue Geldquellen für den Tierschutz zu erschließen und Druck auf Länder auszuüben, in denen Tigerprodukte illegal verkauft würden.

Bisher nur Ankündigungen

Tatsächlich fehlt es nicht an guten Absichten, den Tiger zu retten. So beschlossen Indien und China erst im vergangenen Mai, Schmugglern den Weg über die gemeinsame Grenze durch bessere Kontrollen zu erschweren. Ein entsprechendes bilaterales Abkommen existiert bereits seit 1995, erwies sich bislang aber als wirkungslos. Wie genau man das künftig ändern will, bleibt allerdings auch nach den jüngsten Gesprächen unklar. Darüber hinaus kündigte Indien die Gründung zweier Agenturen an, die sich dem Tigerschutz sowie dem Kampf gegen die Wilderei verschreiben sollen. Bisher blieb es jedoch bei der Ankündigung.

Streit gab es auch schon bei der "Tiger Task Force", die Indien vor mehr als einem Jahr ins Leben rief - nachdem bekannt geworden war, dass im bei Touristen beliebten Vorzeige-Nationalpark Sariska in Rajasthan kein einziger Tiger mehr lebt. Der bekannte Dokumentarfilmer Valmik Thapar verließ die seiner Meinung nach zahnlose Task Force, weil ihre Schutzmaßnahmen erneut die Bedürfnisse des Menschen und nicht die des Tieres in den Vordergrund stellten. Thapar rechnet damit, dass in fünf Jahren nur noch 300 Tiger in Indien leben werden. "Der bengalische Tiger liegt bereits im Sarg", sagte er dem indischen Magazin Frontline. "Es ist nur noch die Frage, wer den letzten Nagel in den Deckel schlägt."

© SZ vom 19.9.2006
Zur SZ-Startseite