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Wiederverheiratete in der Katholischen Kirche:Eine Tür ist aufgestoßen

Die katholische Kirche hat sich schuldig gemacht an den Paaren, die sich in ihrer zweiten Ehe als Christen zweiter Klasse fühlen mussten. Die Handreichung des Erzbistum Freiburg ist nicht sensationell, sondern nur die Begradigung nicht mehr haltbarer Fronten. Doch vielleicht löst die neue Regel eine Debatte aus.

Wer geschieden ist, soll künftig sexuell enthaltsam leben? Das sei ein bisschen viel verlangt, schrieb der Münchner Theologieprofessor. Bei Geschiedenen, die wieder heiraten, könne es doch auch "pragmatische Lösungen" geben. Das war 1991. Der Professor, der damals den Aufsatz "Unauflöslichkeit der Ehe - Scheidung - Wiederheirat" schrieb, heißt Gerhard Ludwig Müller; er ist heute Präfekt der Glaubenskongregation in Rom. Mehr als 20 Jahre ist das her, es war die Zeit, in der auch die oberrheinischen Bischöfe an ihren Vorschlägen feilten, wie die katholische Kirche besser mit Menschen in zweiter Ehe umgehen könnte. Sie wurden von Papst Johannes Paul II. barsch zurückgepfiffen.

Zwei Jahrzehnte hat die katholische Kirche da verloren, indem sie den Buchstaben und nicht den Geist der Regel heiligte. Es wollten ja weder der Münchner Theologieprofessor Müller noch die Bischöfe von damals die Lehre von der unauflöslichen Ehe infrage stellen. Sie sahen aber: Es gibt im Leben das Zerbrochene, es gibt Trennung und Scheidung - und es gibt Neuanfänge, es gibt Liebe, Verlässlichkeit und Verantwortung auch in der zweiten Ehe. Dass die katholische Kirche sich dem verschloss, war mehr als nur ein taktischer Fehler; es begründete eine Schuldgeschichte.

Die katholische Kirche ist schuldig geworden an den Paaren, die sich als Christen zweiter Klasse fühlten oder enttäuscht abwandten, an den Menschen, die ihre Arbeit bei der Kirche verloren, weil sie eine neue Partnerschaft in Verantwortung leben wollten.

Die Handreichung beendet ein weit verbreitetes Doppelspiel

Jetzt also ein neuer Versuch. Der neue Papst Franziskus wünscht Barmherzigkeit gegenüber Geschiedenen, die wieder heiraten. Und das Erzbistum Freiburg hat nun in einer Handreichung für die Pfarrer Bedingungen genannt, die Voraussetzung dafür sind, dass Katholiken in zweiter Ehe zu den Sakramenten zugelassen werden können: Es sind vor allem ein Schuldbekenntnis und Verantwortung für Kinder und ersten Partner sowie der ernste Wunsch, mit dem neuen Partner dauerhaft zusammenzuleben.

Sensationell klingt das nicht. Und im Grunde fasst die Handreichung nur in eine feste Regel, was in vielen anderen Bistümern und Kirchengemeinden längst Praxis ist. Sie beendet die typisch katholische Methode, dass sich unterhalb der großen Moral immer eine kleine Ausnahmeregel findet. Man könnte auch sagen: Sie beendet ein weit verbreitetes Doppelspiel.

Doch die Regelung aus Freiburg ist mehr als die Begradigung nicht mehr haltbarer Fronten. Sie hat eine Tür geöffnet, die nicht mehr geschlossen werden kann - und wenn, dann nur noch mit einem Knall, der den Putz von den Wänden holt. Es kommen Licht und Luft durch diese Tür. Und vielleicht kommt auch eine neue Debatte darüber in Gang, welches Eheverständnis die Kirchen haben, warum sie den Paaren wünschen, dass sie zusammenbleiben, bis der Tod sie scheidet, und warum sie bei einer Trennung von Schuld reden - aber auch vom Neuanfang.