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Weltjugendtag:Möglichst viele Katholiken sollen feiern

Es werden unterschiedliche Glaubensvorstellungen aufeinanderprallen in Krakau, wo am Dienstag der katholische Weltjugendtag begonnen hat.

(Foto: Wojtek Radwanski/AFP)

Auf dem Weltjugendtag in Krakau verfolgen Bischöfe, Regierung und Jugend eigene Ziele. In einem aber sind sich alle einig: Es sollte voll werden.

Ob er voll wird, der Platz? Vor ein paar Monaten noch war die Fläche südlich von Krakau Grasland, jetzt gibt es Fluchtwege, Sendemasten und, zehn Meter erhöht, einen 93 Meter breiten Altar - alles ist bereit für Papst Franziskus und die vielen jungen Menschen. Zwei Millionen passen auf "Campus Misericordia", auf das "Feld der Barmherzigkeit". Angemeldet zum Weltjugendtag haben sich bis jetzt 360 000 Katholiken aus aller Welt, dabei hatten sich zuvor 560 000 registrieren lassen.

Gerade aus Polen dürften viele Gläubige einfach so anreisen, um mit dem Nachfolger des polnischen Papstes Johannes Paul II. zu feiern, der 1985 erstmals die katholische Jugend zum großen Treffen rief. Und doch könnten am Ende Lücken auf dem Feld der Barmherzigkeit bleiben. Gerade mal 15 500 Katholiken aus Deutschland haben ihr Kommen angekündigt.

Das könnte an der Terrorangst liegen oder daran, dass vielerorts schon Sommerferien sind - dem Krakauer Kardinal Stanisław Dziwisz aber würden weniger als 1,5 Millionen Menschen schon ein bisschen weh tun. Er hat den Veranstaltungsort durchgesetzt, der mehr als doppelt so groß ist wie der Krakauer Błonia-Park, wo einst Dziwisz' Vorgänger und Vorbild Karol Wojtyła seine großen Messen als Papst feierte. Das sind nun mal die Tücken einer Theologie der großen Zahl.

Ist der Platz voll, geht die Botschaft in die Welt: Seht das katholische Polen, stark und treu zu Nation und Glauben - und doch offen für die ganze Welt. Bleiben Lücken in den Reihen, bröckeln auch die Argumente.

Der Papst könnte den Bischöfen den Spaß verderben

So haben viele Menschen aus vielen unterschiedlichen Motiven heraus ein großes Interesse daran, dass in den kommenden Tagen in und um Krakau möglichst viele Menschen einen möglichst frohen Weltjugendtag feiern. Die Jugendlichen, weil sie ihren Glauben feiern und andere Jugendliche treffen - und ab Donnerstagabend den Papst sehen wollen; viele sagen aber auch: um ein Zeichen des Friedens in einer mörderischen Welt zu setzen. Die rechtsnationale polnische Regierung wiederum erhofft sich schöne Bilder mit dem Papst und eine Pause im Dauerstreit um ihr Demokratieverständnis - selbstverständlich tritt das Kabinett um Ministerpräsidentin Beata Szydło in Klassenstärke zum Jugendfest an. Die Bischöfe des Landes schließlich wünschen zu zeigen, wie stark der Glaube und die Kirche in einem Land sind, in dem immer noch die Hälfte der Katholiken regelmäßig zur Messe geht.

Doch ausgerechnet Papst Franziskus, der Ehrengast, könnte Regierung wie Bischöfen den Spaß verderben. Es lässt sich ja nicht leugnen, dass in Krakau zwei sehr unterschiedliche, teilweise entgegengesetzte Glaubensverständnisse aufeinanderprallen. Die Mehrheit der polnischen Bischöfe sieht sich als Träger der nationalen wie religiösen Identität, die es in unsicheren Zeiten zu verteidigen gilt. Sie unterstützen die Regierung, wenn es um Partnerschaften für Homosexuelle oder Abtreibung geht; sie schweigen im Streit ums Verfassungsgericht, sie bleiben leise in ihrer Kritik an Polens Abschottungskurs gegen Flüchtlinge. Papst Franziskus dagegen hat die Solidarität mit den Heimatlosen der Welt zu seinem Programm gemacht; er ruft seine Kirche auf, nicht ängstlich das Eigene zu bewahren; er predigt gegen den Kapitalismus und gegen die Mächtigen, dass die Linken und Liberalen in Polen jubeln. Das dürfte die Begegnung der Brüder in Krakau schwierig machen.

Da wirkt es geradezu demonstrativ, dass kurz vor dem Weltjugendtag das vatikanische Presseamt einen Text des Sprechers der polnischen Bischofskonferenz veröffentlicht, dessen Titel "Die Kirche in Polen und die Aufnahme von Flüchtlingen" heißt: Man sei besorgt über Ressentiments gegenüber Flüchtlingen im Land, schreibt Paweł Rytel-Andrianik, der Bischofs-Sprecher, aber man müsse verstehen, dass es in der Bevölkerung "große Ängste" gebe, die leider politisch instrumentalisiert würden. Kurz: Es gibt kein Problem zwischen Polens Bischöfen und dem Papst. Die liberale Zeitung Gazeta Wyborcza berichtet dagegen von "Unruhe und nervöser Vorbereitung" bei den Bischöfen, die "weit von freudiger Erwartung entfernt" seien. Was ein Bischof naturgemäß dementieren muss.

Und wie ist die Stimmung unter den Jugendlichen?

Läuft es gut für Polens Bischöfe, dann betont der Papst den Wert von Ehe, Familie, Erziehung und der Weitergabe des Glaubens, da ist man sich sehr einig. Dann wird der bewegende Besuch eines schweigenden Papstes Franziskus im Vernichtungslager Auschwitz am Freitag in Erinnerung bleiben, der Besuch im Marienwallfahrtsort Częstochowa, der stimmungsvolle Abschluss des Weltjugendtages. Viele liberale Katholiken erhoffen sich dagegen ein klares Wort zur Lage im Land, wobei die Liberalen unter den Katholiken eine Minderheit sind: Polens junge Katholiken bejahen nur zu 18 Prozent die Aufnahme von Flüchtlingen; drei von vier fürchten die Islamisierung Polens, sollten die Fremden kommen. Im Vatikan erklärt Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der Papst werde eine "Botschaft der Hoffnung und Ermutigung" verkünden und dazu aufrufen, die authentischen christlichen Wurzeln Europas wiederzuentdecken. Das lässt so ziemlich alles offen.

Und wie ist die Stimmung unter den Jugendlichen? "Großartig", sagt Theresa von Bischopink, die Sprecherin des Bundes der Deutschen katholischen Jugend, die mit nach Krakau gereist ist. "Wir treffen auf eine unglaubliche Gastfreundschaft, Neugier und Offenheit", erzählt sie. Und wie wichtig das sei, gerade jetzt.

© SZ vom 27.07.2016/dayk
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