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Weihnachtsfeier mit Gefängnisband:Da draußen spielt die Musik

Der Geschmack von Freiheit und Lampenfieber: Was eine Gefängnisband erlebt, die bei einer gewöhnlichen Weihnachtsfeier auftreten darf.

Jeden Moment kann die Tür zum Festsaal aufgehen, dann sind sie dran. Debby, die Keyboard spielt und beim Gehen die Arme anwinkelt wie ein Cowboy, war in der letzten halben Stunde zwei Mal auf der Toilette, jetzt wippt sie von einem Bein aufs andere. Und Bine, die Sängerin, sinkt noch ein wenig tiefer in das weiße Polster ihres Rattansessels. "Gut, dass die da drinnen wissen, wer wir sind", hat sie vorhin gesagt. "Da drinnen" richtet der Gmünder Gemeinderat seine Weihnachtsfeier aus, und Bine, Debby und ihre Band Jail Mail dürfen ihre neuen Songs vorstellen. Aber für die beiden Frauen ist es eigentlich kein Konzert "drinnen", sondern draußen. Drinnen - das ist der Knast.

Gefängnisband stellt CD vor

Jenseits der Gitterstäbe: Die Frauen der Band Jail Mail werden bei ihren Auftritten unterstützt - und bewacht.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bine ist 45 Jahre alt, Debby elf Jahre jünger, sie sind Häftlinge der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gotteszell in Schwäbisch Gmünd. Sie wollen nicht sagen, was sie getan haben - nur, dass sie schon seit mehreren Jahren in Baden-Württembergs zentralem Frauengefängnis inhaftiert sind. Einige Stunden vor ihrem Auftritt sitzen die beiden auf den Sesseln im Freizeittrakt der Anstalt, der Proberaum, Bastelecke und Töpferstube in einem ist. Neben dem Sofa steht ein Schlagzeug, auf dem Heizkörper sitzt eine Reihe Kuscheltiere. Bine hat Früchtetee aufgesetzt und erzählt, wie sie vor sieben Jahren die Idee hatten, Jail Mail zu gründen - als Brücke von drinnen nach draußen. Damals konnte Debby noch nicht Keyboard spielen, und Bine ahnte nicht, dass sie "eine Hammerstimme" hat, wie alle sagen.

"Wir dachten einfach, zum Knast gehört auch 'ne Band", sagt Bine. "Frau Diemer hat dann direkt zugestimmt, die ahnte ja nicht, worauf sie sich einlässt." Frau Diemer heißt mit Vornamen Elke und gibt ein langes, zustimmendes "oooi" von sich, als ob sie das heute, nachdem Jail Mail schon zwei CDs produziert hat, immer noch nicht wüsste. Die schlanke 47-Jährige mit den weißen Haaren ist Freizeitbeamtin in Schwäbisch Gmünd. Sie lebt ihren Job, wie sie selbst sagt: Sie schließt nicht einfach die Freizeiträume auf und sagt den Frauen, dass sie basteln oder aufräumen sollen. Für die Band hat sie gelernt, Gitarre und Bass zu spielen, Texte zu schreiben, Melodien zu komponieren. Es ärgert sie, dass manche glauben, ihr Job sei nur Spaß: "Keiner sieht die Arbeit, die dahintersteckt."

Zwar ist es gesetzlich vorgeschrieben, Gefangene "zur Teilnahme und Mitwirkung an Angeboten der Freizeitgestaltung zu motivieren und anzuleiten" - doch es gibt kein Budget. Braucht die Band ein neues Mikro, müssen die Häftlinge basteln, töpfern oder backen und ihre Produkte verkaufen. Das alles organisiert Elke Diemer - sie knüpft die Kontakte, hat die Ideen, mobilisiert Unterstützung. "Sie kann betteln, dass es mir peinlich ist - aber sie findet immer eine Lösung", sagt Sibylle von Schneider-Holl, die Leiterin der JVA.

Die Freizeit sei eine Möglichkeit, an die Frauen heranzukommen, sie zu öffnen, sagt Schneider-Holl. Viele hätten kaum Selbstbewusstsein, müssten lernen, stolz auf etwas sein. "Wir können die Menschen nicht ändern, das müssen sie selbst tun. Aber wenn ich ihnen schlechtes Essen und eine unangenehme Unterkunft biete, werden sie sich daran reiben - und nicht an ihrer eigenen Geschichte." Es ist eine Gratwanderung, Freizeit und Ablenkung zu erlauben, gleichzeitig die Strukturen und Hierarchie der Anstalt nicht anzutasten.

Besonders schwierig sei es auch, die Frauen zu motivieren: Jeden Tag werden sie gefragt, ob sie zwischen 15.30 und 18.30 Uhr in die Freizeiträume kommen möchten - doch von 295 Insassen erscheinen nur fünf regelmäßig. Die Besucherin fragt sich, was man im Gefängnis denn Besseres zu tun habe? "Das ist hier nicht anders als draußen:", sagt Elke Diemer, "fernsehen." Fast wehmütig zeigt sie auf ein großformatiges Foto, das über der Couch hängt und sieben schwarzgekleidete Frauen mit einem Keyboard in der Mitte zeigt. Heute spielen drei Häftlinge in der Band, doch die Gitarristin ist noch nicht so weit, dass sie auftreten kann. Deshalb hat Elke Diemer für den Auftritt auf der Weihnachtsfeier Verstärkung "von draußen" organisiert: ein halbes Dutzend Männer, die Saxophon oder Schlagzeug spielen und bei der Tontechnik aushelfen.

Ist die Freizeitbeamtin vielleicht das Oberhaupt einer Art Familie? "Nein", sagt Sibylle von Schneider-Holl, "Frau Diemer ist hier die Chefin. Das ist kein basisdemokratischer Verein." Zwar vergleicht sie die Anstalt gern mit einem Dorf - hier wie da gibt es Wohngemeinschaften, Streit ums Putzen, Schule und Kindergarten, sogar eine Kirche. Aber von jedem Punkt im Innenhof der Anstalt sieht man die Mauer. Und wenn Bine und Debby wie an diesem Tag hinausdürfen, müssen sie sich vorher und nachher vor einer Beamtin bis auf die Unterwäsche ausziehen.