bedeckt München 17°

Verschwundene Jugendrichterin Heisig:Warnung einer Furchtlosen

Als Heisig sich vor einigen Tagen mit der Süddeutschen Zeitung zum Gespräch trifft, gibt sie zu erkennen, dass ihr der Erfolg auch zu schaffen macht. Sie spricht von der Bedrohung, die durch die ständige Arbeit mit dem Milieu verbrecherischer Großfamilien entstehe. Sie warnt in diesem Zusammenhang vor weiterer Recherche, gibt sich selbst aber als furchtlos.

Dabei ist es Heisig, die Kinder und Enkel, Freunde und Bekannte der Clanchefs regelmäßig ins Gefängnis schickt. Auch ist sie sich nicht zu schade, Zeugen so lange zu befragen, bis die Schweigemauer schließlich doch zusammenbricht.

So macht man sich als Richterin Feinde. Und zwar nicht nur im kriminellen Milieu, sondern auch bei politischen Gegnern. Und, vielleicht noch heikler: Man bekommt auch neue Freunde hinzu, die man gar nicht haben möchte. Politische Gruppen, die sich mit der Richterin befreundet wähnen, in ihrer Gesinnung aber kaum weiter von ihr entfernt sein könnten: ausländerfeindliche Stammtischpöbler etwa und Naziblogger, die sich nur deshalb über Heisigs Urteile freuen, weil oft Ausländer unter den Verurteilten sind.

Ihr Ziel ist ein gerechtes Urteil

Heisig aber denkt anders. "Ich bin ein sozialdemokratisches Urgestein", sagt sie im Gespräch mit der SZ. Auf Probleme im Migrations- und Integrationsbereich hinzuweisen, betrachte sie weniger als ihre Aufgabe als Richterin, sondern als staatsbürgerliche Pflicht. Gewiss, sie wähle oft drastische Worte. Aber sie könne jedes einzelne davon belegen.

Ihr größter Schutz vor ideologischen Attacken politischer Feinde ist ihre Schweigsamkeit bei Themen, bei denen sie sich nicht auskennt. Kein Wort verliert Heisig etwa zu religiösen Fragen, obwohl viele Angeklagte, über die sie zu richten hat, aus muslimisch geprägten Milieus stammen.

Heisig reicht es, auf Probleme aufmerksam zu machen, die Analyse überlässt sie anderen. Ihr Ziel ist ein gerechtes Urteil - im Gerichtssaal über die Angeklagten, aber auch öffentlich, über Berliner Stadtviertel und kriminelle Clans, bei denen ihrer Meinung nach der Rechtsstaat keine Bedeutung mehr hat.

Im Gespräch wirkt Heisig konzentriert, Akten liegen zur Bearbeitung auf ihrem Tisch, die Arbeit nur kurz unterbrochen. Sie treffe sich gerne mit Medienvertretern, sagt sie. Die Diskrepanz zwischen ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit und dem eher kargen Büro, das einer Richterin im Amtsgericht zusteht, mag zeigen, wie wenig es ihr um persönlichen Ruhm geht.

In ihrem Stuhl wippt sie vor und zurück, spricht aber ganz ruhig. Zwischen den Zeilen beklagt sie sich, dass ihr öffentlich kaum Kollegen beispringen würden. Lediglich an deren Schweigen könnte sie sehen, dass sie mit ihrer Meinung nicht alleine sei.

Ihr Handy ist seit Tagen nicht erreichbar. "Momentan kann ich Ihren Anruf nicht entgegen nehmen. Hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe dann gerne zurück", sagt ihre Stimme auf der Mailbox. Mittlerweile kommt eine automatische Ansage hinterher: "Die Mailbox ist voll und kann keine Nachrichten mehr aufnehmen."

Bleibt zu hoffen, dass sich Kirsten Heisig dennoch bald zurückmeldet.

© SZ vom 03.07.2010/jobr/odg

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite