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USA: Porno-Vorwürfe gegen Teenager:Von Posen und Possen

Weil ihre Bikinifotos auf Handys von Mitschülern gefunden wurden, soll sich eine 15-jährige Amerikanerin der Verbreitung von Kinderpornos schuldig gemacht haben.

Reymer Klüver

Marissa Miller ist ein Mädchen, eine junge Frau von 15 Jahren: lange dunkle Haare mit strengem Mittelscheitel, große braune Augen, ein offenes, eher ernsthaftes Teenager-Gesicht. Ein wenig älter sieht sie aus, als sie tatsächlich ist. Das hat seine Gründe. Marissa lebt in Tunkhannock am Susquehanna River, einem verschlafenen Kleinstädtchen von nicht einmal 2000 Einwohnern in den weiten Wäldern Pennsylvanias.

"Sexting" - eindeutig zweideutig aufgenommene Bilder - ist ein Straftatbestand, mit dem die amerikanische Justiz so ihre Schwierigkeiten hat.

(Foto: Foto: dpa)

Ein Städtchen, eigentlich ein Straßendorf ist es, wie es so viele gibt in Amerika: An der Hauptkreuzung im Ort liegen das Prince Hotel, eine windschiefe, gerade einmal drei Stockwerke zählende Bruchbude aus rotem Backstein, und ein paar Läden: ein Brautmodengeschäft und gegenüber der Paradise Gift Store, eine Bibelstube. Die Bäckerei daneben hat aufgegeben. Die Schaufenster sind mit Packpapier verklebt.

Alles hier hat mal bessere Zeiten gesehen. Die Häuserzeile überragt ein mächtiges, von einem Turm gekröntes Gebäude: Hier ist das Gesetz in Tunkhannock zu Hause. Es ist das Gericht, der Sitz der Justizbehörden des kleinen Landkreises Wyoming.

Ein Mann, das Gesetz

Mit ihnen ist Marissa in Konflikt geraten. Man könnte mit gewissem Recht auch sagen, das Gesetz in Person des örtlichen Staatsanwalts George Skumanick hat den Konflikt mit ihr gesucht. Im Sommer vor drei Jahren hatte eine Freundin Marissa und ein weiteres Mädchen nach einer Übernachtungsparty im weißen BH fotografiert, kichernd und giggelnd - wie pubertierende Mädchen eben sind mit zwölf Jahren.

Vor ein paar Monaten tauchte das Foto wieder auf - bei Schulkameraden auf den Handys. Die waren in ihrer Highschool im Unterricht konfisziert worden. Staatsanwalt Skumanick leitete ein Ermittlungsverfahren ein: wegen des Verdachts auf Förderung und Verbreitung von Kinderpornographie. Marissa und zwei weiteren Mädchen drohen - ganz ernsthaft - nun Haftstrafen von bis zu sieben Jahren und der Eintrag ins amerikanische Sextäter-Register.

Sexting wird in der amerikanischen Umgangssprache das Phänomen genannt, an dem der Staatsanwalt in Tunkhannock Anstoß genommen hat. Es ist eine relativ neue Erscheinung. Vor ein, zwei Jahren war davon noch nicht die Rede. Inzwischen ist es in den USA eine Epidemie. Jugendliche schicken sich meist mit dem Handy aufgenommene, eindeutig-zweideutige Bilder von sich oder von Bekannten zu.

Einer Studie zufolge haben 20 Prozent aller Highschool-Kids in den USA schon derlei Fotos von sich versandt. Fast jeder Zweite hat solche Fotos schon mal auf dem Handy vorgefunden. Oft sind es Mädchen, die Nacktaufnahmen von sich im digitalen Universum verewigen. Und die Jungs sammeln sie auf ihren Handys wie Trophäen.

Schwierige Definition

Schulen und Behörden wissen nicht so recht, wie sie der Sache Herr werden sollen. Denn Nacktaufnahmen von Minderjährigen mit sexuell eindeutigem Bezug sind - so, wie es Amerikas Gesetze formulieren - Kinderpornographie. Und wer solche Bilder macht, machen lässt oder gar verschickt, beteiligt sich - streng nach dem Wortlaut des Gesetzestextes - an der Verbreitung von Kinderpornographie.

Entsprechende Ermittlungsverfahren laufen mittlerweile quer durch die Vereinigten Staaten: in Connecticut und Florida, Indiana, Michigan, North Dakota, Ohio, Utah, Vermont, Virginia und Wisconsin. In Ohio hat ein republikanischer Abgeordneter im März ein Gesetz eingebracht, das Sexting unter Strafe stellt. In dem Bundesstaat hatte sich im vergangenen Jahr eine 18-jährige Schülerin erhängt, nachdem ihr früherer Freund Nacktaufnahmen von ihr versendet hatte.

In einem Vorort von New York wurde ein 14 Jahre altes Mädchen wegen der Verbreitung von Kinderpornographie angeklagt, weil es 30 Nacktbilder von sich auf ihre My-Space-Seite gestellt hatte - um ihren Freund zu beeindrucken. Und bei Boston nahm die Polizei erst Ende März drei Kids fest, weil sie wie ihre Altersgenossen in Tunkhannock eindeutige Bilder auf ihre Handys geladen hatten.

Kein Einzelfall

Marissas Verfahren also ist kein Einzelfall mehr. Eines allerdings hebt es von den anderen ab: Marissa und ihre Mutter MaryJo Miller haben beschlossen, sich zur Wehr zu setzen. "Ich bin auch gegen Sexting; es ist absolut gefährlich", sagt die 44-jährige MaryJo an ihrem Tisch im Esszimmer. Hinter ihr steht das Buffet, in dem ihr gutes Geschirr hinter Glas zu sehen ist. Oben auf dem Schrank stehen ein paar Elvis-Figuren. Und neben der Tür hängt ein in Pastelltönen gehaltenes Jesusbild. Die Mehrheit in Tunkhannock ist katholisch.

Sie hat das Foto ihrer Tochter damals selbst gesehen - und sich überhaupt nichts dabei gedacht. "Das war einfach nur Blödsinn, mehr nicht." Was ist auch dabei, wenn man ein Mädchen im BH oder im Bikini sieht, fragt sie. Dann müsste jeder Bademodenkatalog eingezogen werden. "Diese Kinder zu Kriminellen zu machen, ist absurd."

Staatsanwalt Skumanick dagegen befand die Pose für "provozierend". Und beschloss, Marissa eine Lektion zu erteilen - ebenso wie den 19 anderen Mädchen aus dem Landkreis, deren Aufnahmen er auf den in der Highschool sichergestellten Handys gefunden hatte. Der 50 Jahre alte Staatsanwalt stellte die Mädchen und deren Eltern vor die Wahl: "Freiwillig", wie er in einem Brief schrieb, sollten sie 100 Dollar Strafe zahlen, eine sechsmonatige Bewährungsfrist durchstehen und an einem zehnstündigen Erziehungskurs teilnehmen, "um ein Verständnis dafür zu bekommen, was es bedeutet, ein Mädchen in der Gesellschaft von heute zu sein". Dann würde er alle Vorwürfe fallenlassen. Andernfalls aber werde er Anklage erheben und die volle Härte des Gesetzes anwenden.

Lesen Sie weiter, wie sich Mutter und Tochter zur Wehr setzen.

"Nichts Unrechtes getan"

Das war zu viel für Marissas Mutter. "Marissa hat nichts Unrechtes getan", sagt sie, "bis heute wissen wir nicht einmal, wer das Bild verschickt hat." Das Mädchen, das die Aufnahme vor nun bald drei Jahren gemacht hatte, ist fortgezogen. Und Marissa sagt: "Wir waren zwölf. Ich wusste doch gar nicht, was provozierend bedeutet." MaryJo Miller schaltete die Bürgerrechtsorganisation ACLU in Pittsburgh ein. Und aus der Lektion, die ein Provinzstaatsanwalt ein paar Teenagern fürs Leben erteilen wollte, ist über Nacht ein Streit um etwas geworden, was den Amerikanern hoch und heilig ist: ihre persönliche Freiheit.

"Es ist noch kein Verbrechen, wenn Jugendliche sich nackt fotografieren lassen", sagt Witold Walczak, der Rechtsberater der ACLU. Es müsse schon mehr zusammenkommen, um derlei Fotos zu Kinderpornographie zu machen. "Da hat ein Staatsanwalt das Gesetz nicht gründlich genug gelesen." Und wenn er die Mädchen in ein Erziehungsprogramm zwingen wolle, missbrauche er schlicht sein Amt. In den USA ist die Kindererziehung als Grundrecht der Eltern in der Verfassung verankert. "Da will einer die Kinder retten, indem er ihre Zukunft ruiniert." 17 Eltern fügten sich den Bedingungen des Staatsanwalts.

Klage gegen Staatsanwalt

Miller und die ACLU aber verklagten zusammen mit zwei weiteren mutigen Müttern ihrerseits den Staatsanwalt wegen Amtsmissbrauchs. Ein Bundesrichter gab ihnen recht und erließ vor ein paar Tagen eine einstweilige Verfügung. Bis auf weiteres soll Staatsanwalt Skumanick die Sache ruhen lassen. Der indes gibt nicht klein bei. Im Gegenteil, er findet, dass er den Mädchen goldene Brücken gebaut hat: "Ich hätte sie einfach festnehmen lassen können", sagt er. "Ich habe es nicht getan." Er will gegen die einstweilige Verfügung angehen.

Die Sache ist längst ein lokales Politikum geworden. Auf der Website des Wyoming County Press Examiner tragen die Leser des örtlichen Wochenblattes mittlerweile eine bittere Fehde aus. MaryJo Miller wurde dort etwa - anonym - gefragt, warum sie das Bild ihrer Tochter nicht als Poster im örtlichen Walmart-Supermarkt aufhänge, wenn es wirklich so harmlos sei. Aber auch aufmunternde Worte hat sie bekommen. Neulich lag eine Briefkarte in der Post. Eine Justizangestellte am Gericht in Tunkhannock schrieb: "MaryJo, vielen Dank, dass du dem Staatsanwalt Paroli bietest. Hunderte Frauen unterstützen dich." MaryJo sagt, dass ihr die Tränen gekommen sind, als sie die Zeilen gelesen hat.

Tatsächlich scheint der Ort tief gespalten - entlang der Linien, die ganz Amerika politisch und weltanschaulich trennen. Staatsanwalt Skumanick ist Republikaner. In diesem Jahr steht er zur Wiederwahl an - in vielen Bundesstaaten werden die örtlichen Sheriffs, Staatsanwälte und Richter gewählt. Da ist es bestimmt nicht von Schaden, wenn man sich seinen konservativen Wählern als Mann von Recht und Ordnung präsentiert. Auf der anderen Seite: Auch wenn die ACLU Überparteilichkeit für sich beansprucht, ist es schon so, dass sie meist Anliegen vertritt, die Demokraten am Herzen liegen.

Der Fall dürfte die Gemüter weiter erhitzen. Am 2. Juni will der Bundesrichter darüber entscheiden, ob der Staatsanwalt das Verfahren gegen Marissa und die anderen Mädchen weiter betreiben darf. Es wird ein ereignisreicher Monat im Leben der jungen Frau werden. Marissa ist schwanger. Genau eine Woche später, am 9. Juni, soll ihr Baby kommen.

© SZ vom 16.4.2009/vw
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