USA Falscher Alarm

Teilnehmer eines „Active shooter drills“ für Lehrer und Verwaltungsbeamte proben den Notfall in Commerce City, Colorado.

(Foto: Jason Connolly/AFP)

Kunstblut, Platzpatronen und nachgespielte Hinrichtungen: Amoklauf-Notfallübungen in den USA können Schüler traumatisieren. Eine Studie hat nun die Frage beantwortet, ob die Trainings für mehr Sicherheit sorgen.

Von Alan Cassidy

An den amerikanischen Schulen sind sie längst Alltag geworden, die Trainings, bei denen so getan wird, als sei ein Attentäter aufgetaucht - bereit, auf Schüler und Lehrer zu schießen. Inzwischen üben die Kinder an knapp 95 Prozent aller Schulen mindestens einmal pro Jahr, wie sie sich bei einem Amoklauf verhalten sollen. Dazu gehört, dass sie den sogenannten Lockdown proben: Schulzimmer von innen verbarrikadieren, Licht löschen, still sein. Dazu gehören aber auch Trainings, die den Schrecken eines Amoklaufs auf möglichst realistische Weise nachahmen: mit Opfern, die sich Wunden aus Kunstblut auf den Körper schmieren, mit Tätern, die aus Maschinengewehren Platzpatronen feuern.

"Active shooter drills" nennen sich die Übungen, eingeführt wurden sie als Reaktion auf das Massaker an der Columbine High School vor 20 Jahren und auf die vielen anderen Amokläufe an Schulen, die danach folgten. Lange herrschte die Ansicht vor, dass die Übungen ein sinnvolles Mittel seien, um Schulen auf Gewalttaten dieser Art vorzubereiten - irgendetwas musste man ja tun. Und tatsächlich gab es mindestens einen Ernstfall, bei dem ein Lockdown Leben rettete. Im November 2017 versuchte ein Bewaffneter, in eine Schule in Kalifornien einzudringen. Weil sich diese rasch im Lockdown-Modus befand, stand der Täter vor verschlossenen Türen. Er feuerte von außen auf die Schule, doch niemand wurde getötet.

In jüngster Zeit mehren sich nun aber in den US-Medien Stimmen, die Zweifel äußern am Nutzen der Trainings - besonders, wenn sie extreme Formen annehmen, so wie dieses Frühjahr im Bundesstaat Indiana. Dort führten Polizisten, die einen Amoklauf simulierten, an den Lehrern eine nachgespielte Hinrichtung durch. Diese mussten sich laut ihrer Gewerkschaft zu viert in ein Zimmer begeben und sich auf Geheiß hinknien. Anschließend schossen ihnen die Sicherheitsleute von hinten mit Gummischrot in den Rücken, sodass die Lehrer später über heftige Schmerzen klagten. Das war offenbar als Lektion gedacht. "Sie sagten uns: Das passiert, wenn ihr euch einfach duckt und nichts tut", erzählte eine Lehrerin der Zeitung Star.

Traumatisch sind die Übungen bisweilen aber auch für die Schülerinnen und Schüler. Das hat damit zu tun, dass einige Schulen einen Lockdown ausrufen, dabei aber nicht klarmachen, dass es sich um eine Übung handelt. Das Magazin Atlantic berichtete neulich von einem Fall aus Florida, bei dem an einer Schule ein Alarm erging. "Alarmstufe rot", rief eine Stimme über den Lautsprecher, "das ist keine Übung". Die Lehrer erhielten eine SMS, wonach sich ein Bewaffneter Zutritt zur Schule verschafft habe. Die Schüler schlossen sich in die Zimmer ein, viele weinten, manche übergaben sich aus Panik oder wurden ohnmächtig. Dass alles nur inszeniert war, löste die Schulleitung erst später auf - zur Wut von Lehrern, Schülern und Eltern.

Kinder, die solchen Aktionen ausgesetzt seien, entwickelten ein höheres Risiko für Angststörungen, sagt die Psychologin Deborah Beidel. Besonders für die Jüngsten könne es sehr schwierig sein, die Realität von Übungen zu unterscheiden. Sorgen die Trainings wenigstens für mehr Sicherheit? Nein, finden die Gesundheitswissenschaftler James Price und Jagdish Khubchandani. Sie haben in einer kürzlich erschienenen Studie die Sicherheitsprotokolle von US-Schulen von 2000 bis 2018 analysiert. Ihr Fazit: Es gebe keine Belege dafür, dass die Waffengewalt an Schulen durch Programme abnehme. Stattdessen sorgten sie an den Schulen "für ein falsches Gefühl der Sicherheit". Nach dem Attentat von Parkland 2018 ging die Polizei anfänglich sogar davon aus, dass der Schütze - der dort selbst zur Schule gegangen war - bewusst einen Feueralarm ausgelöst hatte, um Schüler und Lehrer auf den Flur zu locken. Das stellte sich später als falsch heraus, doch trotzdem fragten sich manche: Was, wenn ein Schüler die Trainings dazu benutzt, sich auf einen Amoklauf vorzubereiten?

Auch der Kriminologe James Alan Fox ist ein Kritiker der Übungen. Man könne einen Amoklauf noch so oft durchspielen, doch wenn eine solche Situation tatsächlich eintreffe, seien die Lektionen rasch vergessen. "Das heißt nicht, dass man nichts tun sollte", sagte Fox dem Sender NBC News. "Aber es wäre genauso effektiv, wenn man den Kindern einfach sagen würde, was sie im Fall eines Attentäters in der Schule tun müssen." So, wie man ja auch Flugzeugpassagiere nicht eine Evakuation einer Maschine üben lasse, sondern ihnen ein Sicherheitsvideo zeige. Und ihnen damit ein mögliches Trauma erspare.