Unicef-Affäre:Helfer in größter Not

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Diverse Wirtschaftsgrößen, darunter Turnaround-Spezialisten und Werber wie der Gründer der Agentur Scholz & Friends, Thomas Heilmann, basteln seit Wochen an einem neuen Konzept: "Help-Force" wird die vor allem von Sponsoren unterstützte Wirtschaftstruppe intern genannt. "Die sind dynamischer, zielbewusst und auch kritisch", räumt Schlagintweit ein. Andererseits: Dass Sponsoren jetzt in den Vorstand drängen, ist ein klarer Interessenkonflikt. Weder Hilfswerk noch Gönner sind dann noch frei.

War die Causa Unicef wirklich Fügung?

Das Engagement hat, neben Werbeeffekten, im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens: "Unicef war das geliebte Kind der Deutschen", sagt der Fernseh-Journalist Rolf Seelmann-Eggebert, 71, der ein Vierteljahrhundert lang im Vorstand saß: "Umso größer war dann der Absturz." Zweitens: Wem soll man noch trauen, wenn nicht einer Wohlfahrtsorganisation? Lügen und Wortbrüche von Politikern nehmen viele Bürger mittlerweile halb verächtlich oder resigniert hin, das Vertrauen in Spitzenmanager ist überschaubar geworden, aber der Vertrauensbruch durch Akteure, die angeblich selbstlos agieren, ist wie ein Riss im Himmel.

Aber wie konnte der passieren? Den im Umgang mit zerstrittenen Königshäusern gestählten Adelsexperten Seelmann-Eggebert erinnert der Fall "im Rückblick an eine griechische Tragödie". Eine Tragödie aber ist schicksalhaft und unvermeidlich - war die Causa Unicef wirklich eine Fügung? Von einer "verhängnisvollen Entwicklung ", deren genaue Ursachen sich nicht mehr lokalisieren ließen, spricht Schlagintweit.

Das Unheil, dies zumindest kann als gesichert gelten, nahm seinen Lauf, als am 29. Mai 2007 bei Frau Simonis ein anonymer Brief eintraf, der vielfältige und - wie sich später herausstellte - zahlreiche falsche Anschuldigungen gegen Geschäftsführer Garlichs enthielt. Ziemlich üble Denunziationen waren darunter. Der Briefeschreiber warf Garlichs Vorteilsnahme vor, es ging um den angeblich zu teuren Umbau in der Zentrale, um Garlichs Privathaus, die angeblich zu hohe Fluktuation bei Unicef und generell um das Thema Berater- und Dienstleistungsverträge.

"Widerspruch zwischen Vorstellung und Wirklichkeit"

Später fand die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG heraus, dass weder Geld veruntreut noch im Wortsinn verschwendet worden war, und auch Garlichs hatte sich nicht bereichert. Die KPMG erteilte aber Rügen in formalen Angelegenheiten; vor allem, weil schriftliche Vereinbarungen fehlten. Alles in allem aber war der Fall, verglichen mit normalen Skandalen der Wirtschaftswelt, eine Bagatelle.

Es ging eher um Grundsätzliches aus der Welt der Wohltätigkeitsorganisationen. Dass ehemalige Unicef-Mitarbeiter Tageshonorare von 600 bis 800 Euro kassierten, war weder der Öffentlichkeit noch der Basis vermittelbar. "Das war der Stein des Anstoßes", sagt Schlagintweit. "Der Widerspruch zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, mit der eine Spendenorganisation heute arbeitet", schockiere die Leute, hat Schlagintweit in einem Schreiben an das "Deutsche Komitee für Unicef" festgestellt.

Der Fall lastet schwer auf der gesamten Spendenbranche: Vier Milliarden Euro geben die Deutschen im Jahr für wohltätige Zwecke. Auch die anderen Organisationen fürchten nun Auswirkungen auf ihren Betrieb."Wir pflegen das Mutter-Teresa-Image, aber das trifft die Wirklichkeit längst nicht mehr", hat in diesen Tagen Hans-Joachim Preuß, Generalsekretär der Welthungerhilfe, eingeräumt. Das Illusionsgebäude bei Unicef ist längst in sich zusammengefallen. Die Gremien, die sich früher alle drei Monate mal trafen, um Beschlossenes zu besprechen oder in geheimer Abstimmung Kandidatenlisten mit hundert Prozent Zustimmung durchzuwinken, waren, als der anonyme Brief eintraf, schrecklich aufgeregt. Es hagelte Sondersitzungen, es gab Streitereien.

Zwei für jeden Streit

Dann passierte etwas, was bei solchen Gelegenheiten nicht selten passiert: Eine Zeitung, in diesem Fall die Frankfurter Rundschau, bekam eine Kopie des Briefes, und fortan war Land unter in Köln am Rhein. Die Blätter rauschten, Medien hatten einen neuen Skandal entdeckt. Schlagintweit staunt heute noch über die "Eigendynamik" einer solchen Affäre und zitiert den französischen Medientheoretiker Jean Baudrillard: "Es gibt keine Fakten. Es gibt nur Fakten, die Medien darstellen."

"Erstaunt" habe ihn "die Schnelligkeit, mit der viele Menschen bereit sind, ungeprüfte Urteile abzugeben". Die Kölner Staatsanwaltschaft las auch die Zeitungsberichte und legte, wie fast immer in solchen Fällen, ein Aktenzeichen an. Seitdem wird gegen Garlichs wegen Verdachts der Untreue ermittelt. Das kann dauern.

Frau Simonis war früh überaus besorgt, und ihre große Besorgnis spiegelte sich zur Verblüffung der übrigen Unicef-Führung auch in Zeitungsartikeln wider. Erstaunlich war auch, dass sie die Vorwürfe seit Frühsommer 2007 kannte und fünf Monate später gegenüber Journalisten überrascht tat. "Die Vorsitzende muss integrieren, sie darf sich nicht distanzieren", notierte Schlagintweit am 29. November 2007 in seinem Tagebuch.

Auf der letzten Seite lesen Sie, wie die Unicef-Leute mit dem taoistischen "Wu-wei"-Prinzip der Chinesen bekannt gemacht wurden.

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