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Überlebenstipps:Der perfekte Aufreißer

In einer Münchner Disco erklärt Bestseller-Autor Neil Strauss, wie auch hässliche Sonderlinge jede Frau herumkriegen.

Christian Mayer

Es sind ungewöhnliche Gestalten, die sich im Münchner P1 versammelt haben, und unter normalen Umständen würden die meisten von ihnen am Türsteher des Clubs scheitern. Sie tragen schmale Krawatten zum kurzärmeligen Hemd oder machen mit dem Bundesadler auf der Brust auf sich aufmerksam. Typen mit weißen Lackjacken, grellen Schals und Karnevalshüten drängeln sich neben Brillenträgern in verbeulten Sakkos an der Bar. Einige sehen aus, als hätten sie sich für eine Betriebsfeier verkleidet, andere scheinen eine Stilberatung bei Rudolf Scharping absolviert zu haben. Es sind jedenfalls Männer, die Hilfe nötig haben, nicht nur beim Versuch, beim anderen Geschlecht zu landen.

Neill Strauss

Das ist Neill Strauss: Er weiß, was Frauen wollen

(Foto: Foto: SZ)

Und deshalb sind sie ja alle hier: um zu lernen, wie man ein Aufreißer wird, ein sexuelles Alphatier. Sogar Männer, die vor lauter Scham im Erdboden versinken, wenn sie eine Frau ansprechen wollen, können hoffen: Neil Strauss, Journalist aus Los Angeles, stellt sein Buch "Die perfekte Masche" (List Verlag) vor. Im P1 wird er fast wie ein Erlöser gefeiert.

Als er auf die Bühne springt, erhält er begeisterten Applaus; die Männer hängen an seinen Lippen, als er seine Standardmethoden und Verführungstricks erklärt. Vor ihnen steht einer, der selbst mal zu den Schüchternen gehörte, im College nur Geschlechtsverkehr mit sich selbst hatte und nun mit einer Blondine auftrumpft, die einen Kopf größer ist als er und wie ein Fetisch auf Stöckelschuhen durchs P1 stolziert. Strauss hat seine Freundin, die Punkrockerin Lisa Leveridge, mitgebracht, die arrogant alle Blicke ignoriert - auch das gehört zur Show.

Vielleicht hat der Buchmarkt auf einen wie ihn nur gewartet. Seit zwei Wochen klettert "Die perfekte Masche" auf den Bestsellerlisten nach oben; in Amerika ist die Männerfibel, die in der klischeehaften Übersetzung noch großmäuliger klingt als im Original, eine Art Kultbuch. Jeder kann es schaffen, so die schlichte Botschaft, wenn er bloß nichts dem Zufall überlässt. Wenn er lernt, seine Hemmungen abzubauen, die richtige Körpersprache anzuwenden, mit auswendig gelernten Sprüchen auf Frauen zuzugehen, ihnen aus der Hand zu lesen oder sie in Psychospiele zu verwickeln.

"Ich bin in eine Marktlücke gestoßen"

Es ist alles nur ein perfektioniertes Spiel - im Englischen heißt das Buch sinnigerweise "The Game". "Niemals einer Frau mit eindeutiger Anmache kommen. Das Geheimnis besteht darin, sich auf sie einzulassen. Sie muss sich ihren Aufriss verdienen", mit solchen Weisheiten erobert Strauss seine Fans.

Anfangs war das Spiel harte Arbeit. Zwei Jahre lang recherchierte der Autor in der Szene der "pick-up-artists", bei professionellen Aufreißern, die ihre Erfahrungen im Internet mit anderen teilen. Er verwandelte sich vom blassen Schreiberling mit dicken Brillengläsern und schütterem Haar in einen glatzköpfigen Powergrinser, der beim Auftritt vor der Münchner Selbsthilfegruppe schwarze Lederhose, Stiefel mit hohen Absätzen und ein albernes Kinnbärtchen trägt. Und Strauss hat bei einigen seiner deutschen Leser mit der "Pfauentheorie" schon Erfolg: Immer schillernd und extravagant kleiden, lautet sein Motto. Die Typen mit den schmalen Krawatten und den dämlichen Hüten haben verstanden.

Später sitzt der Meisteraufreißer außer Dienst in seiner Hotellobby, erschöpft von der Lesereise. Zu seinen besten Zeiten habe er mit 80 Prozent der Frauen, die er ansprach, auch geschlafen. Das erzählt er milde lächelnd, ist ja Vergangenheit, denn irgendwann wurde die perfekte Masche zur traurigen Sucht. Strauss, der außer einer Reihe von Topmodels angeblich auch Britney Spears in einen Zustand brennender Begierde brachte, setzte sich zur Ruhe. Und veröffentlichte seine Bekenntnisse.

Über den Erfolg wundert er sich gar nicht. "Für Frauen gibt es Magazine und Fernsehserien wie 'Desperate Housewives' oder 'Sex and the City', für Männer gar keine Orientierung. Ich bin in eine Marktlücke gestoßen." Merkwürdigerweise reagierten Frauen auf sein Buch enthusiastischer als Männer. "Ich bekomme haufenweise E-Mails von Leserinnen." Weil Frauen die Männer und ihre sexuellen Wünsche verstehen wollten, während es den Männern um die Quote gehe. "Viele meiner Leser sind verunsicherte Sonderlinge. Die kommunizieren wie Computer. Ich will ihnen beibringen, dass man sich auf Frauen programmieren kann."

© SZ vom 13.3.2006
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