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Transplantation:Erste Patientin mit fremdem Gesicht tot

Weltweit erste Gesichtstransplanatation - Isabelle Dinoire

Isabelle Dinoire, fotografiert nach ihrer Gesichtsoperation in Amiens, Frankreich.

(Foto: Chu Amiens/dpa)

Zehn Jahre lang lebte Isabelle Dinoire mit dem Gesicht einer Hirntoten, nun ist bekannt geworden, dass sie schon im April verstorben ist.

Mutig war Isabelle Dinoire im Februar 2006 vor die Kameras getreten. Sie präsentierte ein Gesicht, das nicht ihr eigenes war und das ihr auch noch nicht so recht gehorchen wollte. Ärzte der Universitätsklinik in Amiens hatten der 38-jährigen Französin das Gesicht einer Hirntoten transplantiert, eine solche Operation hatte zuvor noch niemand gewagt. Zehn Jahre lebte Dinoire mit dem Gesicht der Fremden, doch nun ist bekannt geworden, dass sie bereits am 22. April verstorben ist.

Lange bevor Isabelle Dinoire der Weltöffentlichkeit ihr neues Antlitz zeigte, hatten Fachleute über die Möglichkeit einer Gesichtstransplantation diskutiert, mehrere Ärzteteams lieferten sich ein Rennen, die erste Operation dieser Art vorzunehmen. Doch zugleich wurde Kritik laut: Es gab ethische Bedenken, für einen nicht lebensrettenden Eingriff ausgerechnet das für die Persönlichkeit so wichtige Gesicht eines toten Menschen zu verwenden. Noch dazu würde der Patient ein Leben lang Medikamente nehmen müssen, die sein Immunsystem drosseln, um eine Abstoßung des fremden Gewebes zu verhindern. Solche Medikamente aber können auch Krebswachstum befördern.

Isabelle Dinoire aber hatte immer gesagt, dass die Operation ihr quasi das Leben gerettet habe. Ihr eigener Hund, ein Labrador, hatte ihr das Gesicht weggebissen. Entsetzt hatte die 38-Jährige damals das Ausmaß der Verletzung im Spiegel gesehen: Lippen und Nase fehlten, die Zähne standen frei. Sie traute sich kaum noch unter Leute. Nach der Operation aber sagte sie, offenbar glücklich: "Ich habe ein Gesicht wie alle anderen."

Jahre später aber erkrankte Dinoire an Krebs. Der Tumor sei keine Folge der unterdrückten Immunabwehr, betonte die Klinik. Eine Behandlung aber wurde schwierig. Im vergangenen Winter soll die nunmehr 48-jährige Dinoire noch einmal mit Abstoßungsreaktionen gekämpft haben, ihre Lippen gehorchten ihr daraufhin nicht mehr. Immer wieder hatte sie auch im französischen Fernsehen betont: "Dieses Gesicht, das ist meins." Ihr Körper nahm es nie wirklich an.

© SZ vom 08.09.2016
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