Tetris-Radweg in Berlin "Wir müssen gucken, wie wir das geradebiegen"

Im Zickzack durch die Leo-Baeck-Straße im Bezirk Zehlendorf: Berlins derzeit berühmtester Radweg.

(Foto: dpa)

Die Berliner Bezirksstadträtin Maren Schellenberg erklärt, wie es zum "Tetris-Radweg" kam, welche Reaktionen sie erhält und was die Schulwegsicherheit damit zu tun hat.

Interview von Verena Mayer

Wenn New York die Stadt ist, die niemals schläft, ist Berlin die Stadt, in der wenig funktioniert. Der Flughafen ist noch immer nicht fertig, Schulen und Schwimmbäder sind marode, und auf einen Termin am Standesamt muss man so lange warten, dass einem die Lust am Heiraten vergeht. Zur Verteidigung der Hauptstadt muss man allerdings sagen, dass die Aspekte der Dysfunktionalität oft das Zeug zum Kult haben. So wie die etwa 500 Meter lange Markierung auf einem Bürgersteig in Berlin-Zehlendorf, die gerade als "Tetris-Radweg" deutschlandweit Schlagzeilen macht: in einem leuchtend weißen Zickzack-Muster auf den Bürgersteig gepinselt. Wie kam es dazu? Fragen an die zuständige Bezirksstadträtin Maren Schellenberg.

SZ: Frau Schellenberg, ganz Deutschland fragt sich: Ist das vielleicht eine Kunstaktion?

Maren Schellenberg: Nein. Alles fing damit an, dass Schüler und Lehrer einer Grundschule zu uns kamen und sagten, dass sie wegen der vielen Eltern, die ihre Kinder morgens mit dem Auto zur Schule bringen, nicht mehr sicher zur Schule radeln könnten. Wir beschlossen, einen Radweg auf dem Bürgersteig einzurichten. Damit nicht nur Kinder bis zehn Jahre legal auf dem Gehweg fahren können, sondern auch ältere. Das sollte eine pragmatische Lösung zur Schulwegsicherheit sein.

Es kam anders.

Was genau passiert ist, haben wir noch nicht herausgefunden. Wir haben eine gerade Linie in Auftrag gegeben, doch die Markierungsfirma hat einen immer gleichen Abstand um die Baumscheiben herumgezeichnet.

An der Markierung fällt auf, dass sie sehr akkurat ist.

Oh ja, sehr sauber ausgeführt, und die rechten Winkel sind wirklich gut gemacht. Aber auch wenn das hübsch aussieht, müssen wir jetzt gucken, wie wir das im wahrsten Sinne des Wortes wieder geradebiegen.

Maren Schellenberg, 56, geboren in Stuttgart, ist Anwältin und hat als Rechtsreferentin für die Ärztekammer Berlin gearbeitet. Seit 2006 ist sie als Grünen-Politikerin im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf aktiv.

(Foto: privat)

Was für Reaktionen haben Sie auf den Radweg erhalten?

Alles Mögliche. Von Beschimpfungen, wie man so dämlich sein kann, bis zu Humor und Augenzwinkern. Heute rief mich jemand an und sagte: Das ist so nett und lustig, bitte lassen Sie das stehen. Aber vor allem wird gerade darüber geredet, wie sinnvoll Radwege auf Bürgersteigen sind. Das finde ich eine wichtige Diskussion, die nun eben an einem spaßigen Beispiel aufgerollt wird.

Berlin gilt als Fahrradstadt. Es gab ein Fahrrad-Volksbegehren, die Politik will Radlern mehr Raum geben.

Ja, aber da geht es immer um Hauptverkehrsadern und sogenannte Bike Lanes. In engeren Straßen ist jedoch gar kein Platz für einen breiten Radweg. Diese Diskussion sollte man führen, auch im Hinblick auf die Schulwegsicherheit. Ist es nicht besser, ein Kind fährt auf dem Bürgersteig auf einem schmaleren Radweg als ganz ungeschützt auf der Straße?

Zuletzt gab es auf Berlins Straßen wieder etliche Unfälle, von denen Kinder betroffen waren.

Ja, und wir haben auch das Problem, dass so viele Kinder von den Eltern mit dem Fahrzeug bis vors Schultor gebracht werden. Da wäre doch die Frage, ob man sie nicht woanders rauslassen oder auch mal alleine zur Schule fahren lassen kann.

Und wie geht es jetzt weiter?

Ich kann Ihnen nur raten: Fotografieren Sie das gute Stück schnell, denn es wird nicht mehr lange da sein.

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