bedeckt München 30°

Tag der Trinkhallen:Geh' ma an 'ne Bude

Mehr Sozialstation als Laden: 8000 Kioske gibt es im Ruhrgebiet, sie sind eine Institution. An diesem Samstag feiern sie den "Tag der Trinkhallen". Im Alltag geht es allerdings nicht immer so fröhlich zu.

6 Bilder

Trinkhalle Mülheim an der Ruhr

Quelle: dpa

1 / 6

Kiosk, Späti, Standl, Trinkhalle - oder eben Büdchen: Das Ruhrgebiet begeht den ersten "Tag der Trinkhalle". Mit einem Kulturprogramm präsentieren sich die Kioske am Samstag von einer anderen Seite, denn im Alltag geht es dort oft nicht unbedingt unbeschwert zu.

Viele der Revierstädte sind pleite. Die einen mehr, die anderen weniger. Und wenn sonst nichts läuft, dann wenigstens das Bier. Das verbindet. In Bochum heißt es "Fiege", in Dortmund "Andreas Pils", in Oberhausen trinkt man "Grubengold". Nachschub der lokalen Bierspezialität holt man sich in einem der 8000 Kioske im Ruhrgebiet. Doch die Büdchen sind mehr als bloße Alkoholtankstellen.

Trinkhalle Mülheim an der Ruhr

Quelle: dpa

2 / 6

Sie erfüllen eine soziale Funktion. So wie die "Ruhrpott Bude" von Andreas Kontny in der Duisburger Straße in Mühlheim. Im Vergleich zu anderen Trinkhallen, die sich im Erdgeschoss von Mietshäusern auf wenigen Quadratmetern ausbreiten, ist sein Kiosk purer Luxus.

Bei ihm gibt es sogar einen Vorgarten und ein kleines Stück Rasen. Im Sommer sind die Plätze unter den Sonnenschirmen schnell belegt. In einem Interview mit der WAZ spricht er von einer neuen Lebensaufgabe, denn 2011 hat Kontny seinen Beruf als Dachdecker aufgegeben, das marode Häuschen renoviert und den Kiosk eröffnet. "Ich habe alles selber finanziert, von den Ämtern wird einem nicht geholfen, wenn man sich so radikal umorientiert," sagt er. Doch ohne das feste Einkommen seiner Freundin könnte er mit dem Laden nicht überleben.

Die Bude selbst ist schon älter - mindestens 20 Jahre. Schon früher hätten hier die Menschen Schlange gestanden, um Zeitungen, Süßigkeiten oder Getränke zu kaufen. Heute belegt er Semmeln für Handwerker. Während des "Trinkhallentags" können die Besucher bei ihm Jazzmusik hören.

Trinkhalle Essen

Quelle: dpa

3 / 6

Die Hochzeit der Trinkhallen war in den 1960er Jahren. Heute gibt es noch etwa 8000 dieser Verkaufsstellen im Ruhrgebiet. Dem Dortmunder Kioskclub 06 zufolge liegen die Wurzeln der Trinkhallen in den Pavillons aus Persien, Indien und im Osmanischen Reich. Entstanden sind sie in den modernen Großstädten Europas mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

Im Pott boten die Trinkhallen ursprünglich Mineralwasser an, denn Leitungswasser stellte ein gesundheitliches Risiko dar. Stattdessen tranken viele Zechenarbeiter Schnaps und Bier, um ihren Durst zu löschen. So entstanden die Buden meist vor den Werkstoren von Zechen oder Fabriken. "Man wollte die Volksgesundheit stärken", sagt Dietmar Osses vom LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum. Betrieben wurden die Läden von ehemaligen Bergleuten oder Kriegsveteranen. Anfangs gab es Heilwasser aus Kupferkesseln. "So konnte der kleine Mann eine Kur machen, ohne in einen Kurort zu fahren," sagt Ossen.

Trinkhalle Essen

Quelle: dpa

4 / 6

Für Jessica Kowalke aus Essen ist ihr Kiosk zum Lebensmittelpunkt geworden. Früher hat die 38-Jährige als Kurierfahrerin und Tierpflegerin gearbeitet, dann übernahm sie die Trinkhalle von ihrem Vater Manfred. Und weil es allerhand zu essen gibt, heißt der Laden "Mampf Fred". Auf der Speisekarte: Würstchen, Frikadellen, Schnitzel im Brötchen.

Ab 4 Uhr morgens geht es für Kowalski los. Dann bereitet sie belegte Brötchen und Kaffee für Früh- und Nachtschichtler, Taxifahrer und Gassigeher vor. "Jede Bude versucht, ein Alleinstellungsmerkmal zu finden. Bei mir ist das der Service am frühen Morgen", sagt sie. Während des Feiertags gibt es bei ihr Rock und Popmusik.

Kiosk 'Hartz IV Ecke' in Duisburg

Quelle: dpa

5 / 6

Dass in den Buden ausschließlich Alkoholiker - oder, wie es im Dialekt heißt, "Spritköppe" - abhängen, ist ein Vorurteil. Alkohol darf offiziell an keiner Bude getrunken werden. Trotzdem sind die Trinkhallen Spiegelbilder ihrer Stadtteile - wie etwa die "Hartz IV Ecke" im Duisburger Stadtteil Hochfeld.

Früher hieß sie einmal "Opas billige Ecke", dann wurde der Kiosk umbenannt. Ihn gibt es nun schon ein halbes Jahrhundert. Viele der Stammkunden sind arbeitslos, viele auch Rentner, die um die Ecke wohnen und sich dort täglich treffen.

Wallfahrt der besonderen Art - Auf Büdchentour in Bochum

Quelle: dpa-tmn

6 / 6

Wie hier in Bochum gibt es in den Trinkhallen neben Getränken traditionell auch Lebensmittel und Hygieneartikel. Dennoch: Viele der Menschen kommen zu den Büdchen nicht wegen des Angebots - sondern auch, weil sie einsam sind. "Geh ma an ne Bude" - dort findet sich immer Gesellschaft, und wenn es nur der Kioskbetreiber ist.

© Sz.de/dpa/lkr/ewid

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite