Suchtmittel Snus Kampf um den Lutschtabak

Eine braune Nikotinpampe als Freiheitssymbol: Snus, für viele Schweden ein legales und alltägliches Suchtmittel, ist in Finnland verboten - und wird deshalb zum Politikum.

Von Gunnar Herrmann

Ob bei der Elchjagd oder im Büro - die runde "Snus"-Dose gehört dazu. Der Lutschtabak, der unter die Lippe geschoben wird, ist für viele Nordeuropäer alltäglicher Begleiter. Selbst in Finnland, wo er verboten ist. Das soll sich nun ändern: Die Behörden gehen neuerdings hart gegen Schmuggler vor, und im Parlament wird über schärfere Tabakgesetze debattiert.

Unter der Lippe wirkt es am besten

(Foto: Foto: dpa)

An der Westküste des Landes, wo Snus besonders verbreitet ist, sind die Nikotinabhängigen in Aufruhr. Das Thema spielt sogar im EU-Wahlkampf eine Rolle. Unterstützung bekommen finnische "Snusare" von der Stockholmer Regierung. Die betreibt in Brüssel nämlich seit langem Lobbyarbeit für den Lutschtabak und fordert, dass der Suchtstoff in ganz Europa freigegeben wird.

Zoll und Polizei haben dem florierenden, aber illegalen Snus-Handel in Finnland schwere Schläge versetzt. So verurteilte zum Beispiel ein Gericht in Jakobstad, 450 Kilometer nordwestlich von Helsinki, die Mitglieder eines Schmuggelrings zu teilweise mehrjährigen Haftstrafen. Sie hatten die illegale Ware aus Schweden geholt und in ganz normalen Geschäften feilgeboten.

Nun wurde die Nikotinzufuhr merklich gedrosselt - die Stimmung in dem Städtchen ist gereizt. Das strenge Urteil sei absurd, schimpft etwa der Musiker Patrick Wingren. "Alle wussten doch schon lange, dass es Snus in Tankstellen und Kiosken unter dem Ladentisch gab. Man bezahlte bar und bekam eine Tüte mit der Ware zugesteckt."

Widerständigkeit wird belohnt

Aus Empörung wurde Wingren selbst zum Gesetzesbrecher, was ihn in den Augen vieler tabaklutschender Finnen zu einem Helden macht. Wingren verkaufte im Dezember vor aller Augen schwedischen Snus auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt. Die Massen jubelten: 1000 Leute kamen zu der Protestaktion, was für Jakobstad sehr viel ist. Etwa 100 der verbotenen Dosen brachte Wingren an den Mann. Die Presse war da. Die Polizei auch, inzwischen bat sie den Rebellen wegen der Sache auch zum Verhör. Seine Strafe wird wohl milde ausfallen, denn er hat mit der Schmuggelware zumindest keinen Gewinn gemacht. "Mir ging es ja nicht um Geld, sondern ums Prinzip", sagt er. Die Obrigkeit solle endlich die Finger von seinem Tabak lassen.

Für seine Widerborstigkeit wurde Wingren belohnt. Die Schwedische Volkspartei - sie vertritt in Finnland die Belange der schwedischsprachigen Minderheit - bot ihm nach der Protestaktion einen Listenplatz für die Europawahl im Juni an.

Nun will Wingren in Brüssel weiterkämpfen - aus seiner Sicht liegt dort ohnehin die Wurzel des Problems. In Finnland darf der Lutschtabak nämlich erst seit dem EU-Beitritt 1995 nicht mehr verkauft werden, da Snus in der gesamten Union verboten ist. Nur die Schweden, ebenfalls seit 1995 EU-Bürger, dürfen weiter Tabak lutschen. Denn die haben sich bei ihrem Beitritt eine Ausnahmeklausel ertrotzt.

Ginge es nach Schwedens Handelsministerin Ewa Björling, wäre diese Ausnahme bald die Regel. Die Politikerin hat neulich einen Brief an die EU-Kommission geschrieben und sich über das Snus-Verbot beschwert. Das sei "konkurrenzverzerrend" und benachteilige Schwedens Tabakindustrie. Schwedische Firmen versuchen in jüngster Zeit verstärkt, die braune Nikotinpampe im Ausland zu vermarkten. In den USA verzeichnete man bereits erste Erfolge. Es sei doch seltsam, dass die Schweden dort ihre Produkte verkaufen dürfen, nicht aber in Europa, sagt Björling.

Vor allem der Nichtraucherschutz ist es, der Snus für die Industrie attraktiver werden lässt. Denn anders als Raucher stören Tabaklutscher ihre Mitmenschen kaum. Schweden-Touristen etwa wundern sich höchstens mal darüber, dass viele Einheimische so wulstige Oberlippen haben. Manch einer fragt sich vielleicht, was das für braune Batzen sind, die Dutzendweise an den Wänden öffentlicher Toiletten kleben.

Aber abgesehen davon ist Snus viel dezenter als Zigaretten. Studien zufolge greift der Stoff aber die Mundschleimhaut an und belastet das Herz. Außerdem macht der Lutschtabak abhängig. Snus-Gegner argumentieren, eine Legalisierung sei ein Schritt in die falsche Richtung: Europa solle auf Suchtmittel verzichten, statt noch mehr von ihnen zuzulassen.