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Stierkampf in Spanien:Widerstand in Unterhosen

Gericht kippt Stierkampfverbot in Katalonien nach sechs Jahren

Ein Matador verwendet 2011 in Barcelona ein Tuch in den katalanischen Farben. Kurz darauf wurde der Stierkampf in Katalonien verboten - das galt bis jetzt.

(Foto: Alejandro Garcia/dpa)
  • Spaniens Verfassungsgericht hat das seit Jahren geltende Stierkampfverbot in Katalonien wieder aufgehoben. Dagegen gab es heftige Proteste in Barcelona.
  • Mit dem Spruch des Verfassungsgerichts sind nun aber nicht nur die spanischen Traditionalisten zufrieden, sondern auch die katalanischen Abspaltungsfreunde.
  • Denn: Das umstrittene Thema mobilisiert die Mehrheit ihrer Landsleute gegen Madrid.

Von Thomas Urban, Madrid

"Was Madrid sagt, interessiert uns hier nicht!", ruft eine junge Frau ins Mikrofon. Kamerateams sind am Wochenende ausgeschwärmt, um aus der katalanischen Metropole Barcelona über die jüngste Demonstration gegen Madrid zu berichten. Die Proteste richten sich gegen das spanische Verfassungsgericht, das am Donnerstag das für Katalonien geltende Stierkampfverbot aufgehoben hat. Damit dürfen in den stillgelegten Arenen der Industrie- und Touristikregion im Nordosten des Landes wieder Kampfstiere in einem präzise choreographierten Ritual vom Torero mit einem Degenstich von oben zwischen die Schulterblätter getötet werden. Zumindest theoretisch.

In der Praxis wird es wohl nicht so schnell dazu kommen, dass Matadore - auf Deutsch "Töter" - wieder in Katalonien ihrem Beruf nachgehen, der für die Traditionalisten in Madrid ja keineswegs blutiges Handwerk ist, sondern hohe Kunst. Die linksalternative Oberbürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, sagte: "Wir werden alles tun, damit das Urteil nicht umgesetzt werden kann." Und der katalanische Umweltminister Josep Rull setzte entschlossen hinzu: "Auch in Zukunft wird es unmöglich sein, bei uns aus dem Töten von Stieren ein Spektakel zu machen."

Abgeordnete des katalanischen Parlaments, die für die Loslösung von Madrid eintreten, empörten sich via Twitter: "In Spanien verstößt es gegen die Verfassung, die öffentliche Folter und Ermordung von Tieren zu verbieten. Das sagt alles." Barcelona gegen Madrid, in kaum einem Thema wird dieser Konflikt emotionaler ausgetragen als im Stierkampf.

Mit einer Mehrheit von acht zu drei Stimmen befanden die Verfassungsrichter, dass mit dem Verbot des Stierkampfes vor sechs Jahren das katalanische Regionalparlament seine Kompetenzen überschritten habe - dafür sei einzig und allein das nationale Parlament in Madrid zuständig. Zur Begründung führten die Richter zwei Gesetze von 2013 und 2015 an, die die Corrida zum "nationalen Kulturerbe" erklärten. Die Initiative dazu war damals von einer Gruppe konservativer Abgeordneter ausgegangen. Nach deren Wunsch sollte der Stierkampf zudem bei der Unesco in die Liste des "immateriellen Weltkulturerbes" aufgenommen werden, das aber misslang. Auch jetzt waren es Mitglieder der konservativen Volkspartei, die das Verfassungsgericht angerufen hatten. Neben Katalonien wagen es bislang nur die Kanarischen Inseln, den Stierkampf zu verbieten.

Mit dem Spruch des Verfassungsgerichts sind nun aber - so paradox das zunächst klingen mag - nicht nur die spanischen Traditionalisten zufrieden, sondern auch die katalanischen Abspaltungsfreunde. Denn: Das umstrittene Thema mobilisiert die Mehrheit ihrer Landsleute gegen Madrid. Vor allem in der jungen Generation finden die Tierschützer ein starkes Echo. Deren Protest-Aktionen sind immer auch ein bildgewaltiges Schauspiel: Erst vor zwei Wochen traten mehrere nahezu Nackte öffentlich auf und übergossen sich mit Eimern voll roter Flüssigkeit, die wie Stierblut aussah. Sie trugen nichts als Unterhosen und Hörner.

Die Filme zeigen herzzerreißende Bilder

Stierkampf-Befürworter argumentieren häufig, verglichen mit Schweinen und Hühnern in der Massentierhaltung führten die Kampfstiere bis zu ihrem Auftritt in der Arena vier bis sechs Jahre ein glückliches Tierleben. Das aber wurde mehrfach widerlegt, und zwar vor allem von katalanischen Fensehsendern und Programmkinos, die heimlich aufgenommene Dokumentarfilme aus den Toreroschulen zeigen: Bei ihrer Ausbildung massakrieren die angehenden Matadore Dutzende Jungstiere und -kühe, bis der geforderte tödliche Degenstich sitzt. Die Filme zeigen herzzerreißende Bilder von blutenden Jungtieren, die nach ihrer Herde blöken, während auf sie eingestochen wird.

Das Verfassungsgericht hat den Katalanen allerdings ein Hintertürchen offengelassen. Es hat bestätigt, dass die Überwachung des Tierschutzes Sache der Kommunen ist. Jeder Stadtrat wird also unter Berufung auf die Gesetze weiterhin eine Corrida verbieten können. Die katalanischen Presse nimmt das Thema gern zum Anlass, um auf die unterschiedlichen Gesellschaftskulturen hinzuweisen, die angeblich überhaupt nicht zusammenpassen: Die Katalanen seien ein Volk von Handwerkern, Händlern und Seefahrern gewesen, während die zentralspanische Ritter- und Bauerngesellschaft stets das Töten zum Kult erhoben habe.

Unter Traditionalisten ist es beliebt, auf der Nationalflagge das königliche Wappen durch einen Kampfstier zu erstzen - auf der Demonstration in Barcelona nun griffen die Corrida-Gegner dies auf. Ein geduldiger katalanischer Esel prangte auf der Fahne mit den fünf gelben und vier roten Streifen. Die Tierschützer wissen ja, dass die Zeit für sie arbeitet.

© SZ vom 24.10.2016
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