Sexueller Missbrauch Kampf ohne Kompromisse

Vielen Opfern sei es so ergangen, sagt er. Auf dem Tisch vor seinem blauen Ecksofa liegen rund um eine Vase mit einer dunkelroten Rose Bücher, darunter Gandhis Biografie. Ihn zitiert Denef in vielen Antworten, in denen er jedes Mal weit ausholt. Er hat sein Leben geändert in den letzten Jahrzehnten, eine Ausbildung zum Gesundheitsberater absolviert, hat in Klinken Hilfe gesucht, Therapien gemacht, unzählige Bücher über Psychologie gelesen. Aber die Erinnerungen halten ihn im Griff. Sie seien immer vor seinen Augen, die Gerüche von damals erkenne er sofort. Die Beklemmung kehre auch zurück, wenn Geräusche ihn erinnern. Während des Interviews schließt er ein Fenster. Bei einem der Täter, erklärt er, sei oft Autolärm zu hören gewesen. "Früher habe ich das alles unbewusst verdrängt. Ich konnte nicht anders. Inzwischen kann ich auch meinen Deckel mal aufmachen und meine Wut zeigen."

Zuweilen erzählt er, als ginge es um einen anderen - und der Zuhörer spürt doch, es geht um den Erzähler selbst. So wie im letzten Jahr auf dem Bundesparteitag der SPD. Da durfte Denef drei Minuten reden. Er berichtete in der dritten Person von dem kleinen Jungen, der von einem Priester missbraucht wurde. Nach seiner Rede hielt Hannelore Kraft ihn in den Armen. Der Parteitag sprach sich für die Abschaffung der Verjährungsfrist aus.

"Als ich von der Bühne gegangen bin, da dachte ich: Wir haben Geschichte geschrieben", sagt er. Wenn er mit solchem Pathos spricht, haben manche den Eindruck, dass er sich an seinen Kampf verloren hat. Er sagt: "Nein. Ich bin nicht abhängig von diesem Kampf. Es ist meine Aufgabe, ich mache das nicht aus Eigenliebe. Da prüfe ich mich jeden Tag." Darf man bemäkeln, dass einer das nicht loslassen kann, was seine Seele nicht loslässt? "Mein Weg ist entstanden, als ich irgendwann merkte: Ich kriege das ohnehin nicht aus meinem Kopf."

Sozialdemokraten unterstützen ihn

So einer will keine Kompromisse, wie sie zur Politik gehören. Weil die aber nicht vorankam, kam er auf den Hungerstreik. Die SPD-Bundestagsfraktion hat einen Antrag formuliert, der eine Verlängerung der Verjährung vorsieht. Aber Denef reicht das nicht. "Ich bin ein Hundertachtzigprozentiger", sagt er. Aber das Thema ist komplex. Es gibt gute Gründe für die Verjährung, die Suche nach einer klugen Lösung ist schwierig. Unterstützt wird Denef vor allem von der SPD. Ralf Stegner, Schleswig-Holsteins Landesvorsitzender, hat ihn besucht, die stellvertretende Parteichefin Manuela Schwesig ihm geschrieben. Unter dem Eindruck seiner Aktion haben führende SPD-Politiker sich noch einmal getroffen, sie wollen das Thema voranbringen, im Bundestag gleich nach der Sommerpause. "Es muss sich was tun", sagt Stegner.

Denefs Körper sendet ihm zunehmend Warnsignale. Er will rechtzeitig aufhören, wohl in diesen Tagen. "Ich will niemanden erpressen. Ich werde mir selbst keinen Schaden zufügen." Und danach? Pause machen. "Aber mit diesem Kampf kann ich nicht aufhören. Wem das Herz brennt, der muss eine ungeheure Geduld aufbringen." Es lässt ihm keine Ruhe.

Anmerkung der Redaktion: An diesem Dienstag beendete Norbert Denef seinen sechswöchigen Hungerstreik nach Rücksprache mit seinen Unterstützern und Ärzten.