Sexueller Missbrauch Hungerstreik gegen die Verjährung

Als Kind ist er das Opfer zweier Pädophiler geworden. Jahrzehnte später wollte er seine Peiniger anzeigen - doch es war zu spät. Um gegen die Verjährung von sexuellem Missbrauch zu kämpfen, trat Norbert Denef in einen Hungerstreik. Kurz bevor der 63-Jährige seine drastische Aktion auch aus medizinischen Gründen beendete, traf ihn unser Autor.

Von Jens Schneider

Im Flur des weißen Reihenhauses bittet Norbert Denef, die Schuhe auszuziehen. Seine Frau und er möchten den Sand nicht im Haus haben, obwohl sie ihn lieben. Der Sand an der Ostsee in Scharbeutz fühlt sich besonders weich an. Auf dem weißen, steinlosen Strand lässt es sich spazieren wie auf einem feinen Teppich. Es gebe ein großartiges Licht, findet er. Wegen der See ist der 63-Jährige in das Haus gezogen, wo er auf dem Dachboden Besucher empfängt, die seinen Hungerstreik verstehen wollen. "Erst mal eins: Das ist mein Anliegen", sagt er gleich. "Ich mache das nicht aus therapeutischen Gründen, dafür habe ich nach vielen Therapien die Ostsee gefunden."

Er kämpft gegen die Verjährung von sexuellem Missbrauch, mit seinem eigenen Körper. Der 63-jährige Norbert Denef trat sechs Wochen in den Hungerstreik.

(Foto: dapd)

Wacklig steigt er die Treppen zu seinem Dachbodenzimmer hinauf. Wie eine Marionette, die nur aus ihren Holzbeinen besteht. Mit kurzen Pausen. Die Beine versagen jetzt ab und zu. Sie sind dünn wie die Arme des Pensionärs im lila Polohemd, Shorts und dicken Wollsocken. Er hat gut zwölf Kilo verloren. Wer ihn fragt, wie es ihm geht, bekommt einen steifen Satz zur Antwort. Man solle lieber die Politiker fragen, wie es ihnen gehe, wenn sie an die Kinder denken, die misshandelt würden und später ihre Peiniger nicht mehr belangen könnten. Dann sagt er, dass es ihm noch gut gehe. Er habe gelernt auf sich zu achten, Vollwertkost gegessen, seit 25 Jahren.

Nun isst er seit 46 Tagen nicht mehr, er trinkt nur Tee und Wasser. Er will Druck erzeugen auf die Politik, damit sie die Verjährungsfristen für sexuelle Gewalt gegen Kinder abschafft. Bisher verjährt der sexuelle Missbrauch von Kindern nach zehn Jahren, gerechnet ab dem Zeitpunkt, an dem das Opfer volljährig wird. Das führt oft dazu, dass die Verbrechen nicht geahndet werden. Denn die in ihrer Kindheit missbrauchten Opfer sind oft so arg traumatisiert, dass sie Jahrzehnte brauchen, bevor sie sich offenbaren können.

So war es auch bei Norbert Denef. Er wurde als Junge in den Jahren seit 1958 in seiner Heimatstadt Delitzsch in Sachsen als Messdiener von einem Priester missbraucht. Immer wieder, jahrelang. Als er 16 war, wurde der Mann plötzlich versetzt. Doch für den Jungen ging das Martyrium weiter. Ein Organist missbrauchte ihn.

25.000 Euro nach 40 Jahren

Inzwischen hat Denef alles öffentlich gemacht. Er hat 2005 von der Kirche Entschädigung bekommen, 25.000 Euro. Vierzig Jahre nach der Tat. Der Familienvater brauchte Jahrzehnte, um sich zu öffnen. Er heiratete, hat eine Tochter und einen Sohn bekommen und Erfolg als Technischer Leiter eines Theaters. "Ich habe viel gearbeitet, um nicht über mich selbst nachdenken zu müssen, ich habe immer funktioniert."

Mit 40 kam der Zusammenbruch, er litt an Albträumen, und bekam schwere Depressionen, das Leben wurde ihm unerträglich. Er suchte Hilfe in einer Klinik, sprach aber dort zunächst nicht über die Erinnerungen. Zaghaft näherte er sich ihnen. Nach drei Jahren konfrontierte Denef bei einem Familientreffen die Täter. Er plante alles genau, seine Kinder sollten dabei sein, seine Geschwister, und die beiden Männer, Bekannte der Familie. Er übte vor dem Spiegel den Satz, den er nicht aussprechen konnte: "Ich bin sexuell missbraucht worden." Nach diesem Tag war alles anders. Während Frau und Kinder zu ihm stehen, wandten die Geschwister sich ab. Er wollte die Taten anzeigen, sie waren verjährt.