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Schweizer Nationalhymne:Es ist ein Kreuz

Reiseland Schweiz

Höchste Töne: Aus 208 Vorschlägen wählten Schweizer Fernsehzuschauer am Wochenende eine neue Hymne.

(Foto: Valentin Flauraud/dpa)

Die Eidgenossen haben eine neue Nationalhymne gekürt - mit gleicher Melodie und neuen Werten. Der Text besingt die rot-weiße Flagge. Wie musikalisch kann Basisdemokratie sein?

Alex Marshall, ein britischer Journalist, der vor einigen Tagen ein Buch über Nationalhymnen veröffentlicht hat, steht auf einer Bühne im Kanton Aargau. Um ihn herum Blumensträuße, eine überdimensionierte Schweizer Flagge - und Dutzende leere Bänke. Marshall wendet sich an die wenigen Menschen, die an diesem Samstagabend noch in der hölzernen Markthalle sitzen, leere Weingläser und Teller mit Käse-Nudel-Resten vor sich: "Was ihr hier veranstaltet, ist revolutionär. Dass Länder ihre Hymnen ändern, kommt eigentlich nur vor, wenn es Krieg gab. Eine zeitgemäße Hymne kann ein Volk inspirieren, Identifikation stiften. Bleibt weiter so mutig!"Der Applaus in der Halle ist verhalten. Einige schauen auf die Uhr, der nächste Zug nach Zürich geht in zwanzig Minuten.

Es sollte ein großer Abend werden. Jahrelang hatte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) an einer neuen Nationalhymne gearbeitet, einen Wettbewerb ausgeschrieben, die eingereichten 208 Vorschläge angehört, die besten ausgewählt, in alle vier Landessprachen übersetzt. Schließlich wurde der Schweizer Jugendchor hinzugezogen, der die Hymnen für das Online-Voting einsang. Das Vorhaben, die Hymne in einer großen Samstagabend-Live-Sendung auszuwählen, scheiterte am Widerstand des Schweizer Fernsehens. Schließlich einigte man sich darauf, dass die Hymnen-Erneuerer zum Eidgenössischen Volksmusikfest nach Aarau kommen könnten: Von dort sendet das Schweizer Fernsehen ohnehin, zwischen Akkordeon-Dudelei und Blasmusik konnte man das Hymnen-Voting unterbringen. Zehn Minuten im Randprogramm von "Potzmusig unterwegs" am frühen Samstagabend - das Interesse der Schweiz an ihrer neuen Nationalhymne ist mäßig. Nur wenige kennen den alten Text auswendig.

Statt Leonhard Widmer heißt der Dichter nun Werner Widmer

Auf den ersten Blick hat sich wenig verändert. Die Melodie bleibt die gleiche, statt Leonhard Widmer, geboren 1808, Musikalienhändler aus einem Zürcher Vorort, heißt der Dichter nun Werner Widmer, geboren 1953, Ökonom und Vorgesetzter zweier Spitaldirektoren aus Zollikerberg bei Zürich. Anstelle von "Trittst im Morgenrot daher/ Seh' ich dich im Strahlenmeer" heißt es "Weißes Kreuz auf rotem Grund/ unser Zeichen für den Bund". Einfacher, natürlich. Wichtiger noch seien ihm die Werte, die im Text vermittelt würden, sagt Widmer: "Freiheit, Unabhängigkeit, Solidarität - die Werte der Bundesverfassung. Wenn wir sie singen, bleiben sie uns im Gedächtnis." Widmer ist überzeugt: Ein Land wie die Schweiz, das kein Verfassungsgericht hat, brauche die Erinnerung: "Das Bauverbot für Minarette oder die Zuwanderungsbeschränkung passen nicht zu Werten wie Weltoffenheit, Vielfalt, Gerechtigkeit. Daran könnte uns die Hymne mahnen."

Wenig überraschend, dass das etwa 500 000 Franken teure Projekt auch Gegner hat. Wer an der Nationalhymne herumdoktert, bringt konservative Kreise gegen sich auf. Und: Die Gefahr, sich lächerlich zu machen, ist groß. Als Widmer an diesem Abend erzählt, er habe geweint, als sein Vorschlag unter die letzten sechs gekommen sei, wird es still. So viel Nationalstolz ist man nicht gewöhnt.

"Hier in Westeuropa haben die Nationalhymnen kaum noch Bedeutung", sagt Alex Marshall, der britische Journalist, der für sein Hymnen-Buch um die Welt gereist ist. "Dabei liegt unglaublich viel Kraft in diesen Liedern. In anderen Teilen der Erde werden sie täglich gesungen. Wer sie hört, lässt alles liegen und erweist seinem Volk die Ehre." Für die Hymne von Werner Widmer sieht er diese Zukunft eher nicht: "Der Text ist wie eine Shopping-Liste moderner Werte. Shopping-Listen berühren nicht direkt mein Herz . . . aber ich bin ja kein Schweizer." Auch die 170 Jahre alte Melodie überzeugt Marshall nicht: "Sie klingt wie ein Choral. Ich hätte mir Aufregenderes gewünscht, etwas, das vor einem Fußballspiel Stimmung bringt zum Beispiel."

Diese Hymne wurde beim Pendeln verfasst

Auch die schwarz-rot gekleideten jungen Leute vom Schweizer Jugendchor sind an diesem Samstag nicht einig, ob sich wirklich der beste Vorschlag im Publikums-Voting durchgesetzt hat. Eine andere Melodie, ein anderer Text, etwas Mutigeres? Die Diskussion ist längst nicht beendet.

Die Veranstalterin SGG feiert dennoch, dass es endlich ein Ergebnis gibt. Nun will der Verein den Text an Schulen und Sportvereine schicken, seine Bekanntheit erhöhen und, irgendwann, an die offiziellen Stellen in Bern herantreten. "Ob es einige Jahre oder ein paar Monate dauert, bis der Text so bekannt ist, dass wir ihn einreichen, weiß ich nicht", sagt SGG-Sprecher Lukas Niederberger. Das sei aber im Moment nicht wichtig: "Bei Staatsbesuchen oder militärischen Anlässen ist die offizielle Hymne vorgeschrieben. Sonst kann man singen, was man möchte." Damit das leichter fällt, hat die SGG eine Mix-Strophe erarbeitet, in der alle vier Landessprachen - Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch - vorkommen (siehe Abdruck). Warum das? "Bei Sportanlässen wird nur eine Strophe gespielt. Wie sollen die Fußballer zusammen singen, wenn einer aus Lugano, einer aus Genf und einer aus Sankt Gallen kommt?"Auf die multilinguale Strophe ist Niederberger sehr stolz.

Im europäischen Ausland bekam die neue Hymne fast mehr Echo als in der Schweiz. Die ARD-"Tagesthemen" bedauerten, dass in der Sieger-Version keine Kuhglocken vorkommen. Alex Marshall, der für den Guardian aus dem Aargau berichtet, bat via Twitter um "Hilfe oder einen Drohnen-Angriff", er sei von Akkordeon-Spielern umzingelt. SGG-Sprecher Niederberger sagte, ein französischer Fernsehsender habe sich bei ihm gemeldet, es ginge wohl darum, die Marseillaise abzuschaffen. Dichter Werner Widmer kündigte an, ein Buch schreiben zu wollen, in dem er den Entstehungsprozess des Hymnentextes aufschlüsseln wolle. Er habe sie im Zug und beim Joggen erdacht.

Für Alex Marshall ist das der entscheidende Unterschied zu anderen Hymnen: "Sie sind in Ausnahmesituationen entstanden, Revolution, Krieg. Diese hier wurde beim Pendeln verfasst."

Pünktlich um 22 Uhr wird die Halle wieder den Aarauer Volksmusik-Freunden übergeben. Es hat sich nichts verändert.