bedeckt München 24°

San Francisco und die Angst:Spannungen mit Todesfolge

Weil Seismologen Schlimmstes vorhersagen, rüstet sich die Stadt. Am Jahrestag des großen Bebens von 1906 schwanken viele Bürger allerdings zwischen Risikobereitschaft und Gleichgültigkeit.

Man muss suchen, wenigstens einen Augenblick lang, und sehr genau hinschauen, um das Zeichen im Asphalt zu erkennen. Wer keinen Schimmer hat, was sich hier tut tief unter dem öden Parkplatz an der A-Street von Hayward, der wird die feine, gekräuselte Linie im Teer von San Franciscos Vorstadt glatt übersehen und den kleinen Makel nicht als Menetekel begreifen, sondern abtun als Schlamperei der Bauarbeiter. Oder als ein Souvenir des letzten Sommers missdeuten, da die Hitze überall in Kalifornien den Straßenbelag aufweichte.

Der Seismologe David Schwartz deutet auf die Hayward-Verwerfung in der Bay Area von San Francisco.

(Foto: Foto: dpa)

Aus dem fingerdünnen Riss sprießt hier und da etwas Grün, so als wolle sich die Natur zurückmelden. Ein paar Kiesel haben sich gelöst, mehr nicht. Einen halben Zentimeter reicht der Spalt in die Erde, kein Passant muss fürchten, darüber zu stolpern.

So banal, so unscheinbar sieht sie also aus, die Hayward-Falte. Noch. "Sei bloß vorsichtig", sagt David Schwartz und grinst, "es kann passieren, während du da rumstehst."

Auf seiner blauen Fleecejacke steht in weißen Lettern: "Science for a changing world". Aber für dieses in seinem Job leicht makabre Logo kann er nun wirklich nichts. Sein Dienstherr hat es sich ausgedacht. Der Seismologe Schwartz arbeitet beim U.S. Geological Survey (USGS), der für Erdbebenanalysen zuständigen US-Bundesbehörde.

Anno 1868

Das letzte Mal geschah "es" an dieser Stelle anno 1868. Vor 138 Jahren also. "Damals war das hier Weideland, ein paar Bauernhöfe, mehr gab es kaum", erzählt David Schwartz, unser freundlich-knurriger Fremdenführer.

Das mächtige Beben versetzte seinerzeit die ganze Gegend in Angst und Schrecken, es wütete auch drüben am Westufer der Bay, wo sich eine junge Stadt namens San Francisco gerade anschickte, zum "Paris des Westens" aufzusteigen.

Pulverfass

Heute siedeln in derselben Großregion knapp sieben Millionen Menschen, allein in Haywards meist biederen Einfamilienhäusern leben mehr als 120.000 Menschen - nach Davids Meinung allesamt auf einem Pulverfass. "Wir wissen, dass sich die Erde hier alle 140 bis 150 Jahre bewegt", sagt er und rückt seine Brille zurecht, "Hayward ist wieder fällig."