Reaktionen auf Mord in der Türkei Per Anhalter in den Tod

Männer mit Lizenz zum Töten

Er listete sodann eine Reihe von Fällen aus der letzten Zeit auf, wie jenen von dem Vater, der seine 12-jährige Tochter vergewaltigt hatte und vom Gericht fünf Jahre Straferlaß bekam. Die Begründung des milden Urteils: "Der Gerichtsmediziner war zu dem Ergebnis gekommen, dass das Mädchen keine seelischen Schäden davongetragen hatte."

Oder der Fall jenes Fotomodels, das zuerst vom Ex-Freund Drogen verabreicht bekam und dann vergewaltigt wurde. Das Gericht entschied auf Mindeststrafe. Begründung hier: Das Opfer habe schließlich früher eine sexuelle Beziehung zu dem Angeklagten gehabt. "Das ist unser machohaftes Rechtsverständnis", schreibt Can Dündar: "Frauen, die seelisch äußerlich in Ordnung bleiben und solche, die schon einmal eine außereheliche Beziehung hatten, verdienen es, vergewaltigt zu werden." Die Überschrift in Milliyet ging sogar so weit, zu verkünden: "Das System tötete die italienische Braut".

Tatsächlich hat erst die AKP-Regierung im Zuge der EU-Anpassung 2004 jenen Artikel aus dem Strafgesetzbuch getilgt, der dem Vergewaltiger Straffreiheit ermöglichte, wenn er einwilligte, sein Opfer zu heiraten.

Frauenvereine klagen jedoch, die Mentalität in den Köpfen der Männer im Allgemeinen und der Richter im Besonderen hinke den Reformen hinterher - und auch in den reformierten Gesetzen finden sich noch immer Klauseln wie jene von der "ungerechtfertigten Provokation", welche gewalttätige Männer entschuldigen. "Die Türkei ist noch immer stolz auf solche Männer, die die Lizenz zum Töten haben, weil man sie als Wächter der Ehre ansieht", schreibt der Kunstkritiker Beral Madra in Radikal.

Im Istanbuler Galataviertel traf sich eine Gruppe türkischer Künstler zu einer Pressekonferenz, an der auch Silvia Moro teilnahm, die Freundin der Toten, die überlebende Braut.

Die Künstler beklagten "die primitive patriarchalische Dunkelheit eines Systems" in der Türkei, welches zulasse, dass "täglich Frauen von Männern getötet werden". Dann entschuldigten sie sich bei der Familie von Pippa Bacca und bei der internationalen Kunstszene: "Wir konnten sie nicht beschützen."