Prozess um Gewaltexzess:Der Täter lebte das klassische Patriarchat

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Önder B. wuchs in Ostanatolien auf. Er erlebte das klassische Patriarchat mit einem dominanten Vater, dem die Frau zu gehorchen hat, die ständig geschlagen wird. Auch er, erzählte Önder B. den Ermittlern, habe sich gefürchtet vor seinem Vater, Ohrfeigen gehörten zum Alltag, mal gab es Hiebe mit einem Metall- oder Holzstock, einmal zerschlug der Vater einen Stuhl auf seinem Rücken. Doch der Sohn löst sich nicht. Mit 19 reist er illegal nach Deutschland, stellt Asylantrag als politisch verfolgter Kurde. Er kommt im Asylbewerberheim unter, aber in Deutschland angekommen ist er wohl nie richtig. Mit 21 kehrt er zurück in die Türkei; dorthin, wo er die Normen kennt. Es sind längst auch seine Werte. Die Ehe mit einer Türkin, die er in Lübeck kennengelernt hatte, zerbricht: Önder B. will in die Türkei, sie ihr Leben in Deutschland führen.

In türkischen Medien war nach dem Verbrechen von "Schande" die Rede, von "einer Art Ehrenmord". Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, äußerte sich dazu: "Für sogenannte Ehrenmorde darf es keine mildernden Umstände geben." Seit der Ermordung der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü in Berlin im Februar 2005, die von ihrem Bruder auf offener Straße hingerichtet wurde, taucht der Begriff "Ehrenmord" bei jedem Kapitalverbrechen auf, das innerhalb muslimischer Familien verübt wird.

Es geht darum, eine Frau zu besitzen

Zu dem Verbrechen an Müjde B. sagt der Bielefelder Strafverteidiger Detlev Otto Binder: "Es war ein fürchterliches Familiendrama, aber sicher kein Ehrenmord", er vertritt den Angeklagten. Auch das Bundeskriminalamt hat Tötungen aus Eifersucht explizit nicht als Ehrenmord deklariert. Und doch spielt ein seltsam unbestimmter Ehrbegriff offenbar eine zentrale Rolle bei diesem Verbrechen. Er habe sich durch das abweisende Verhalten seiner Frau "in seiner Ehre verletzt gefühlt", gab Önder B. in der Vernehmung an und bat die Ermittler, bei der Obduktion zu prüfen, wann seine Frau das letzte Mal Geschlechtsverkehr gehabt habe. Dies sei ihm "wichtig, es geht um meine Ehre".

Die Geschichte beginnt 2005, als Önder B. seine spätere Frau auf einem Hochzeitsvideo sieht; Müjde ist da 15 Jahre alt. Ein fremdes Wesen, dessen Lachen auf den Bildschirm projiziert wird. Er sagte seiner Familie, dass er diese Cousine heiraten möchte, so als würde man eine Frau wie einen Katalogartikel bestellen. Vielleicht glaubte er das wirklich. "Da, wo er herkommt, besitzt man eine Frau; unsere gesellschaftlichen Werte sind ihm völlig fremd", sagt der Anwalt. Önders Vater habe mit Müjdes Eltern geredet, deren Vater habe gesagt: "Gerne, aber die Tochter muss es auch wollen." Als ob eine 16-Jährige das entscheiden könnte.

Für drei Tage kam Önder B. im Dezember 2006 aus Ostanatolien nach Harsewinkel, um Müjde kennenzulernen. Drei Tage für ein ganzes Leben. Sechs Monate später reiste das Mädchen für sechs Wochen in die Osttürkei, am 2. Juli 2007 heirateten sie nach türkischem Recht. Ein Hochzeitsfoto zeigt die hübsche Braut im güldenen Kleid, sie versucht sich an einem Lächeln. Hinter ihr steht Önder B.: Sein Blick scheint ins Leere zu gehen.

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