Prozess um Gewaltexzess:Die Vernichtung einer Widerspenstigen

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Müjde B. wuchs in Deutschland auf. Sie wollte nicht Eigentum ihres anatolischen Mannes sein. Der tötete sie. Heute beginnt der Prozess.

Dirk Graalmann, Düsseldorf

Plötzlich merkte Önder B., wie kalt es war in dieser Neujahrsnacht 2009. Es hatte Frost gegeben, man spürte die Kälte besonders hier am Ende eines abgelegenen Feldweges im ostwestfälischen Harsewinkel. Die Kälte fegte über die karge Fläche. Er hatte sie wohl nicht gespürt, als er eine halbe Stunde zuvor von hier in die Stadt gefahren war. Als er nun zurückkommt, laufen Tränen über sein Gesicht. Vor ihm liegt, fürchterlich entstellt, die 18-jährige Müjde B. Önder beugt sich hinunter, befühlt sie, riecht an ihr, küsst seine tote Frau. Dann führen die Polizeibeamten den 26-Jährigen ab; Önder B. hatte die junge Frau, die zugleich seine Cousine war und längst nicht mehr seine Frau sein wollte, kurz zuvor in einem Gewaltexzess getötet und dann die Polizei verständigt.

Prozess um Gewaltexzess: Der Ort, an dem Müjde tot aufgefunden wurde - ein Feld im ostwestfälischen Harsewinkel.

Der Ort, an dem Müjde tot aufgefunden wurde - ein Feld im ostwestfälischen Harsewinkel.

(Foto: Foto: Graalmann)

An diesem Dienstag beginnt vor dem Landgericht in Bielefeld der Prozess gegen den Kurden aus der osttürkischen Provinz Bingöl. Die Staatsanwaltschaft wirft Önder B. Mord aus niedrigen Beweggründen vor. Was der Mann nach der Tat ausgesagt hat, verstört auch hartgesottene Ermittler.

Er sei mit seiner Frau im Auto unterwegs zu deren Elternhaus gewesen, es habe Streit gegeben. Sie habe nicht auf seine lautstarken Vorwürfe reagiert, Fragen nicht beantwortet, sondern einfach das Radio lauter gedreht. Sie hatte ihm nichts mehr zu sagen; aber er, so glaubte Önder B., ihr noch alles zu befehlen. Als er das Mädchen schließlich aufforderte, ihm ihr ausgeschaltetes Handy zu geben, um die Daten zu kontrollieren, nannte Müjde B. dreimal die falsche PIN-Nummer. Das Handy war gesperrt. Dies sei der Wendepunkt gewesen, sagte Önder B. "Das war zu viel."

40 Messerstiche in Kopf und Oberkörper

Er zückte ein Messer und stach mehr als 40 Mal in Kopf, Hals und Oberkörper von Müjde B. Er stach so lange zu, bis die Klinge brach. Dann nahm er ein Billardqueue aus dem Kofferraum und schlug mehrmals zu, bis der Stock brach. Als Önder B. bemerkte, dass Müjde noch lebte und in ihrem verzweifelten Todeskampf seinen Namen rief, fuhr er sie mit dem Auto an und überrollte sie mehrmals. Er habe sie "aus Mitleid" überfahren, sagte er, "ich wollte nicht, dass sie in diesem Zustand weiterlebt".

In welchem Zustand muss ein Mensch sein, um zu so etwas fähig zu sein? Die Tat erfolgte "im Sinne eines Overkills", urteilte der Sachverständige Gerhard Dankwerth in seinem psychiatrischen Gutachten. Önder B. sei dennoch voll schuldfähig. Der Mann, so Dankwerth, habe zwar eine "narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung" mit einer "abnorm erhöhten Kränkbarkeit" und gestörtem Beziehungsverhalten, gleichwohl sei er psychopathologisch ansonsten unauffällig. Auch ein Affekt liege nicht vor, zu koordiniert und planvoll sei der Täter vorgegangen. Damit stützt der Gutachter die Auffassung der Staatsanwaltschaft, die darauf verweisen kann, dass Önder B. das Tatmesser in der Silvesternacht zuvor aus der Küche des Onkels entwendet hatte. Aber warum stellte er sich dann sofort der Polizei, wieso weinte der Täter, der ansonsten keine Reue zeigte, angesichts seiner toten Frau?

Zusammenprall der Kulturen

Eine Frage drängt sich bei dieser Tat auf: War es ein Zusammenprall der Kulturen, womöglich ein unvermeidlicher? Das Opfer, ein türkisches Mädchen, im beschaulichen Ostwestfalen aufgewachsen, Tochter einer durchaus traditionell orientierten Familie, aber doch ein Kind der hiesigen Gesellschaft. Der Täter, ihr Mann und Cousin, ein Kurde, dem Deutschland fremd war.

Der Täter lebte das klassische Patriarchat

Önder B. wuchs in Ostanatolien auf. Er erlebte das klassische Patriarchat mit einem dominanten Vater, dem die Frau zu gehorchen hat, die ständig geschlagen wird. Auch er, erzählte Önder B. den Ermittlern, habe sich gefürchtet vor seinem Vater, Ohrfeigen gehörten zum Alltag, mal gab es Hiebe mit einem Metall- oder Holzstock, einmal zerschlug der Vater einen Stuhl auf seinem Rücken. Doch der Sohn löst sich nicht. Mit 19 reist er illegal nach Deutschland, stellt Asylantrag als politisch verfolgter Kurde. Er kommt im Asylbewerberheim unter, aber in Deutschland angekommen ist er wohl nie richtig. Mit 21 kehrt er zurück in die Türkei; dorthin, wo er die Normen kennt. Es sind längst auch seine Werte. Die Ehe mit einer Türkin, die er in Lübeck kennengelernt hatte, zerbricht: Önder B. will in die Türkei, sie ihr Leben in Deutschland führen.

In türkischen Medien war nach dem Verbrechen von "Schande" die Rede, von "einer Art Ehrenmord". Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, äußerte sich dazu: "Für sogenannte Ehrenmorde darf es keine mildernden Umstände geben." Seit der Ermordung der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü in Berlin im Februar 2005, die von ihrem Bruder auf offener Straße hingerichtet wurde, taucht der Begriff "Ehrenmord" bei jedem Kapitalverbrechen auf, das innerhalb muslimischer Familien verübt wird.

Es geht darum, eine Frau zu besitzen

Zu dem Verbrechen an Müjde B. sagt der Bielefelder Strafverteidiger Detlev Otto Binder: "Es war ein fürchterliches Familiendrama, aber sicher kein Ehrenmord", er vertritt den Angeklagten. Auch das Bundeskriminalamt hat Tötungen aus Eifersucht explizit nicht als Ehrenmord deklariert. Und doch spielt ein seltsam unbestimmter Ehrbegriff offenbar eine zentrale Rolle bei diesem Verbrechen. Er habe sich durch das abweisende Verhalten seiner Frau "in seiner Ehre verletzt gefühlt", gab Önder B. in der Vernehmung an und bat die Ermittler, bei der Obduktion zu prüfen, wann seine Frau das letzte Mal Geschlechtsverkehr gehabt habe. Dies sei ihm "wichtig, es geht um meine Ehre".

Die Geschichte beginnt 2005, als Önder B. seine spätere Frau auf einem Hochzeitsvideo sieht; Müjde ist da 15 Jahre alt. Ein fremdes Wesen, dessen Lachen auf den Bildschirm projiziert wird. Er sagte seiner Familie, dass er diese Cousine heiraten möchte, so als würde man eine Frau wie einen Katalogartikel bestellen. Vielleicht glaubte er das wirklich. "Da, wo er herkommt, besitzt man eine Frau; unsere gesellschaftlichen Werte sind ihm völlig fremd", sagt der Anwalt. Önders Vater habe mit Müjdes Eltern geredet, deren Vater habe gesagt: "Gerne, aber die Tochter muss es auch wollen." Als ob eine 16-Jährige das entscheiden könnte.

Für drei Tage kam Önder B. im Dezember 2006 aus Ostanatolien nach Harsewinkel, um Müjde kennenzulernen. Drei Tage für ein ganzes Leben. Sechs Monate später reiste das Mädchen für sechs Wochen in die Osttürkei, am 2. Juli 2007 heirateten sie nach türkischem Recht. Ein Hochzeitsfoto zeigt die hübsche Braut im güldenen Kleid, sie versucht sich an einem Lächeln. Hinter ihr steht Önder B.: Sein Blick scheint ins Leere zu gehen.

Sie soll sich über ihn lustig gemacht haben

Die Ehe bestand nur auf dem Papier. Drei Wochen nach der Trauung fuhr Müjde zurück in ihre Heimat, nach Deutschland. Önder B. blieb in seiner Heimat, der Osttürkei. Kontakt hielten sie nur sporadisch per SMS oder Internet. Kalt sei sie gewesen, zurückweisend, erzählt Önder B. den Ermittlern. Sie habe sich lustig über ihn gemacht, ihn provoziert. Bis er es nicht mehr ertragen habe. Manchmal erinnere ihn sein Mandant "an den jungen Werther in seiner irrationalen Liebe, an diesen Wahn", sagt Anwalt Binder.

Den Feldweg an der Brockhäger Straße in Harsewinkel säumen Maisfelder; am Ende kreuzt ein Graben, dahinter wuchert der Weizen. Die Natur lebt weiter. Ins Gras ist eine schlichte Latte gerammt mit einem Foto des Mädchens, das alle nur Mizgin nannten. Es ist ausgeblichen, das Gesicht nur schemenhaft zu erkennen, allein die dunklen Augen blicken eindringlich. "Wir vermißen dich", hat jemand mit schwarzem Stift auf den Holzpflock geschrieben. Die vier Grablichter stehen voller Wasser, die Deckel sind rostig, in der grünen Plastikvase modern ein paar Gräser. Es scheint lange niemand mehr hier gewesen zu sein.

Sie zeigte ihn bei der Polizei an

Hier endete das Leben von Müjde B., die plötzlich verheiratet war und doch nur ein Teenager-Leben führen wollte. Sie traf sich mit Freundinnen, ging aus, und der Mann knapp 4000 Kilometer weit weg, war ihr fremd. Önder B., chronisch eifersüchtig, konnte diese Fremdheit nicht akzeptieren, er beleidigte seine Frau und bedrohte sie per SMS und am Telefon. Im August 2008 ging Müjde zur Polizei, zeigte ihren Mann an, zudem beantragte sie in der Türkei die Scheidung. Es ist der Punkt, an dem diese Geschichte ein zivilisiertes Ende hätte nehmen können.

Doch als Önder B. am 19. Oktober illegal nach Deutschland einreiste, fand er ausgerechnet in der Nordstraße in Harsewinkel immer wieder Unterschlupf. Dort, wo Müjde B. mit ihren Eltern wohnte. "Das passt doch alles nicht zusammen", sagt Verteidiger Binder. "Warum lassen die Eltern zu, dass der Mann, von dem sich ihre Tochter trennen will, der sie bedroht haben soll, gegen den eine Anzeige läuft und der illegal in Deutschland ist, plötzlich wieder bei ihnen wohnt?" Ständig hätten sich die Signale widersprochen, mal sei von Trennung die Rede gewesen, dann von einer neuen Verlobung, schließlich wurde bekannt, dass ein Scheidungstermin in der Türkei terminiert war. "Da wurden Zeichen gesetzt und wieder zurückgenommen", sagt Binder.

Wer setzte die Zeichen? Und wer wollte sie sehen, wer verstehen? Der Mord an Müjde B. sei auch ein Zeichen für das Versagen ihrer Mitmenschen, sagte der Imam auf der Trauerfeier. Man müsse sich, mahnte er, wieder intensiver um die eigenen Kinder und um junge Menschen kümmern. Die Nordstraße liegt nur fünf Autominuten vom Tatort entfernt: Sozialer Wohnungsbau, triste Wohnblöcke im Karrée, ein gepflasterter Platz und der Caritas-Fachdienst für Integration und Migration.

Mord als Zeichen für das Versagen der Mitmenschen

An der Ecke gibt es einen kleinen türkischen Gemüseladen. Doch groß ist das Schweigen. Ja, er kenne die Familie B., sagt der Händler, Müjde auch etwas. Aber er sei nur zum Arbeiten hier, weitere Fragen unerwünscht. Auch Familie B. möchte nicht reden. "Moment, eine Minute", sagt das junge Mädchen in akzentfreiem Deutsch, das über den Balkon im vierten Stock nach unten blickt. Dann kommt der Vater, ein gepflegter Mann mit grauem Haar und einer Zigarette in der linken Hand, er schüttelt den Kopf und sagt knapp, dass er nicht reden wolle. Dann verschwindet er im Haus, das von unten wirkt wie eine Festung.

Als Müjdes Vater am Tag nach dem Mord an seiner Tochter von den Ermittlern befragt wurde, sagte er, das Verhältnis zwischen Müjde und Önder sei seines Wissens nach "in Ordnung" gewesen. Als der Täter gefragt wurde, ob er Angst habe vor der Familie der Getöteten, sagte Önder B.: "Nein, ich habe keine Angst. Es ist doch Verwandtschaft."

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