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Platzmangel in Hongkong:Wohin mit den Leichen?

Hongkong gehört zu den am dichtesten besiedelten Regionen weltweit. Auch für die Toten ist kein Platz - was zu skurrilen Lösungsansätzen führt.

Kein Platz, nirgends. So ist es in Hongkong, eine der am dichtesten besiedelten Regionen weltweit. Dort leben Millionen Menschen in staatlichen Wohnungen, die bis zu 5,5 Quadratmeter klein sind.

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Eine Seltenheit in Hongkong: Eine Frau zündet vor einem traditionellen Grab Räucherstäbchen an.

(Foto: Foto: AP)

In so einer Stadt ist für die Toten erst recht kein Platz. Und so berichtet das Wall Street Journal von der Büroangestellten Sharon Mui, die ein halbes Jahr darauf warten musste, ihren Vater zu beerdigen.

Wobei "beerdigen" sowieso der falsche Ausdruck ist. Mui bekam nach sechs Monaten Wartezeit lediglich eine Art Schließfach zugeteilt, in dem sie nun die Asche ihres Vaters aufbewahren darf.

Zehntausende solcher Nischen befinden sich in riesigen, mehrstöckigen Gebäuden, die extra für die Überreste der Toten gebaut wurden. Doch nicht einmal die Nischen reichen.

Außerdem fällt es den Chinesen schwer, ihre Toten zu verbrennen. Ihre Tradition verlangt Erdbestattungen und Gräber, an denen die Angehörigen noch Jahrzehnte ihrer Verstorbenen gedenken können.

Teure letzte Ruhe

Diese Tradition ist teuer: 36.000 Dollar kostet ein Grab, das eine Familie länger als zwei Jahre behalten will. Kein Wunder also, dass inzwischen 85 Prozent aller Toten in Hongkong eingeäschert werden.

Auch eine Nische, wie sie Sharon Mui für die Überreste ihres Vaters ergattert hat, ist nicht billig: 515 Dollar kostet sie beim Staat, private Unternehmen verlangen bis zu 15.000 Dollar, je nachdem, wie lange man die Nische behalten will.

Für diesen Preis gibt es dann ein kleines Fach in einem der gigantischen Columbaria: Mehrstöckige Urnenhäuser, in denen sich mehr als 40.000 Nischen befinden.

Durchnummerierte Schließfächer

Die Fächer sind durchnummeriert, außerdem gibt es kleine Schilder, auf denen Angehörige Bilder oder Sprüche verewigen können. Am Boden der Wände befinden sich kleine Mulden, wo Räucherstäbchen oder Weihrauch verbrannt werden können. Im Gebäude befinden sich außerdem große Verbrennungsöfen, in denen die Familien Papiergeld und Opfergaben verbrennen, da sie glauben, dies den Verstorbenen ins Jenseits schicken zu müssen.

Zufrieden sind die Hongkonger mit diesen Häusern als letzte Ruhestätten nicht. Zudem sie auch oft bis zu zwei Jahre auf eine Nische warten müssen: "Nur zwei oder drei Fächer werden jeden Monat frei", sagt zum Beispiel Geoffrey Tang, Manager eines Urnenhauses im Wall Street Journal.

Wo bleiben die Leichen bis dahin? Nicht nur Friedhöfe und Urnenhäuser, auch die Leichenhäuser platzen aus allen Nähten. So kam es dieses Jahr schon zu dem peinlichen Vorfall, dass einer Familie ein falscher Toter übergeben wurde: die Leichen wurden verwechselt, da das Abteil doppelt belegt war.

Um den Rückstau in den Leichenhäusern zu beheben, haben Stadtplaner nun Doppel-Einäscherungen vorgeschlagen - was nicht auf Gegenliebe bei der Bevölkerung stößt. Niemand will die Asche seiner Familienmitglieder mit der Unbekannter vermischt haben.

Warten nach dem Tod

Außerdem versucht die Regierung, ihren Bürgern andere Arten der Bestattung schmackhaft zu machen. Seebestattungen zum Beispiel, bei denen die Asche im Meer verstreut wird, sind neuerdings erlaubt und kosten nur 40 Dollar. Das Verteilen der Asche in sogenannten Gärten der Erinnerung ist sogar kostenlos.

Doch auch hier kommen sich die rationalen Pläne mit den traditionellen Ritualen ins Gehege. In den Gärten der Erinnerung werden die Überreste der Toten mit denen Fremder vermischt. Und was dort passieren soll, wenn an Feiertagen Hundertausende Angehörige zu den Ruhestätten ihrer Verstorbener pilgern, ist unklar: Denn dafür ist kein Platz.

Seebestattungen stoßen bei den traditionellen Chinesen ebenfalls auf Widerwillen. "Wir wollen unsere Toten nicht in den Mägen verschiedener Fische wissen", sagt Y.Y.Wong, ein spiritueller Führer des Taoismus in Hongkong.

Viele Alte heißt noch mehr Tote

Doch vielleicht ist dies die letzte Generation von Hongkongern, die sich gegen die neuen Wege der Bestattungen sträubt. So sagt die 46-jährige Sharon Mui, die zwar nun ein Nische für ihren Vater hat, dass sie für sich selbst einen der Regierungsvorschläge in Erwägung zieht. "Ich will nicht, dass meine Familie so viel für mich zahlen muss."

Das Gedrängel unter Hongkongs Toten wird bis dahin so weitergehen und sich erstmal noch verschärfen: Jeder vierte Bewohner der Stadt ist über 55 Jahre alt. Die Regierung schätzt, dass dieses Jahr an die 40.000 Menschen dort sterben. 2016 werden es bereits 48.000 sein.