Nachruf:Sein Vater war ein Nazi

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Mit dem Gefühl, von den Nazis um seine Jugend betrogen worden zu sein, hatte Wolfram Siebeck gelernt, unbescheiden zu sein. Sein Vater war ein Nazi, ein "kleiner Nazi", wie der Sohn gern präzisierte "aber er glaubte an den Scheiß". Er selbst war Flakhelfer auf einem Acker bei Bochum und wurde noch im Frühjahr 1945 an die Oder geschickt, wo die Front verlief. Zwischen Küstrin und Frankfurt schoss er im April einen fürchterlichen Tag lang auf Russen, dann war der Krieg aus.

In düsteren Momenten konnte Wolfram Siebeck darüber grübeln, ob die allmählich beginnende neue Liebe der Deutschen zum Essen nicht eine Ausflucht vor der überwältigenden Kriegsschuld war.

Siebecks "Kochschule für Anspruchsvolle", das Buch, seit dem ihm von 1976 an seine Ausnahmestellung nicht mehr zu bestreiten war, präsentierte sich zunächst einfach als Anleitungsbuch für eine Betätigung, die zuvor wie das Kinderkriegen exklusiv in den weiblichen Teil der Welt gehört hatte. Männer waren höchstens Köche von Beruf. Seit Siebeck den Unterricht mit seiner Kochschule aufnahm, fingen auf einmal ganz normale Männer an zu kochen - und zwar so, wie es Siebeck vorschlug. Siebeck brachte es fertig, die teuersten Zutaten vorzuführen und sich gleichzeitig lustig zu machen über das Etepetete von in Champagner gekochtem Fisch und falschem Kaviar, den er als Pausenbrotaufstrich für Kinder vorschlug. Haute cuisine neben Kinderküche - in gewisser Weise schrieb er schon immer die Sorte Lifestyle-Feuilletons, die heute alle wollen: spöttisch und auf einem intellektuellen Niveau, dass es eine Freude war.

Ende der Sechzigerjahre kam es zu Masseneintritten in die SPD, die versprochen hatte, das moderne Deutschland zu schaffen. Siebecks Kochschule erreichte die Kleinstädte gleich danach. Es war eine Zeit, in der das Recht auf Glück mehrheitsfähig wurde, als Rest der politischen Ideen von 1968.

Wolfram Siebeck war eigentlich mit seinen 40 Jahren zu alt für die Revolution von 1968. Zu schüchtern war er im entscheidenden Moment aber doch nicht. Er spannte dem berühmten Fotografen Will McBride die Frau aus. Barbara McBride war so etwas wie das It-Girl der Zeit, seit sie 1960 hochschwanger mit nacktem Bauch auf dem Cover von Twen posierte. Sie wurden ein fabelhaftes Paar. "Kochen habe ich erst gelernt, als ich ihre Kinder bekochen musste", gab er zu. Sagen wir es ruhig: Wolfram Siebecks große Karriere begann erst als Hausmann.

Die Leute werden immer fetter und hässlicher vom Genussdiktat

Später zog das Ehepaar Siebeck in die Ortenau und wohnte in einer Burg, von der aus man fast bis Frankreich sah. Da oben saß er auf seiner Mietburg Mahlberg und hat immer noch das Glück verlangt. Fast mit Wut.

Heute weiß man ja gar nicht, was das Zeug mit dem Essen noch soll. Überall und vor allem im Fernsehen wird gekocht und geschmort, die Leute werden immer fetter und hässlicher vom Genussdiktat der Industrie-Konzerne. Für den sanften Erzieher Siebeck ging es aber natürlich um etwas ganz anderes - um das Gegenteil von Massenware. "In Wahrheit hat mich das Essen interessiert, weil ich von der ersten Minute an Hedonist war", sagte er.

Zu seinem Spätwerk gehört es, dass er sich genötigt sah, in Berlin so Zeug wie Currywurst zu probieren. 2007 aber erschien die größte Überraschung: Der Mann, der stets gegen die Pampe der deutschen Hausfrau angeschrieben hatte, legte das Buch "Die Deutschen und ihre Küche" vor, Kulturgeschichte, Abrechnung und vorsichtige Annäherung in einem - mit Rezepten für Arme Ritter, Schwäbischen Zwiebelkuchen, Rumfordsuppe und Pichelsteiner. Wolfram Siebeck, versöhnt mit seinem Land? Keineswegs, aber doch mit dem deutschen Sauerbraten.

Am Donnerstag ist Wolfram Siebeck, der schüchterne Beschleuniger des Landes und große Feuilletonist, im Alter von 87 Jahren gestorben. Es droht die Rückkehr der Banausen.

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