Musiker nach Fatwa in Lebensgefahr "Die Geschichte hat sich etwas verändert"

"Die Geschichte hat sich etwas verändert", sagte Najafi am Montag selbst. Demnach war das Rechtsgutachten des Ajatollahs Golpayegani bereits vor der Veröffentlichung seines Imam-Liedes erschienen - was auch erklärt, weshalb sein Name in der Fatwa gar nicht auftaucht. Der Geistliche habe nur allgemein erklärt, welche Schuld jemand auf sich lädt, der den Imam verspottet. Erst regimetreue Zeitungen, denen Najafi nach eigenen Angaben seit Jahren ein Dorn im Auge ist, hätten die allgemeine Fatwa des Gelehrten dann mit seinem Namen in Verbindung gebracht - und entsprechende Konsequenzen gefordert.

Ist Shahin Najafi der "nächste Salman Rushdi", wie der Spiegel bereits meinte? Als das Magazin aus Hamburg erschien, wirkte eine solche Beschreibung noch übertrieben. Doch jetzt, angesichts der zweiten Fatwa, in der Najafi namentlich als Ketzer attackiert wird, sieht die Lage wirklich brenzlig aus. Wie einflussreich Ajatollah Shirazi ist, kann man an einer älteren Entscheidung ablesen, die weltweit Beachtung fand: Als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad vor ein paar Jahren aus politischem Kalkül verkündete, dass Irans Frauen künftig in Fußballstadien hineindürften, belegte er das Projekt umgehend mit einer Fatwa.

Die deutschen Behörden geben sich zugeknöpft

Die deutschen Sicherheitsbehörden geben sich angesichts der unübersichtlichen Lage zugeknöpft. Beim nordrhein-westfälischen Innenministerium in Düsseldorf, aus dem zuvor bereits deutliche Lageeinschätzungen zum Fall Najafi nach außen gedrungen waren, verweist man am Montag an die Kölner Polizei. Ein Sprecher des dortigen Präsidiums liest am Telefon nur einen sehr vorsichtig formulierten Text ab.

Demnach liegt seit vergangener Woche eine Strafanzeige gegen Ajatollah Golpayegani durch Shahin Najafi vor, außerdem hat der Staatsschutz unter Beteiligung verschiedener Dienststellen die Ermittlungen aufgenommen. "Wir nutzen alle Informationsquellen und ziehen diese in die Gesamtanalyse mit ein", heißt es. Auf "einzelne mögliche Schutzmaßnahmen" könne man derzeit nicht eingehen. Auch zur zweiten Fatwa: kein Wort.

Shahin Najafi, der sein lustig gemeintes YouTube-Video über den zehnten Imam noch mit dem Bild einer Moschee verziert hat, welche die Form einer weiblichen Brust hat und aus deren Spitze eine Regenbogenfahne ragt, ist in puncto Sicherheit ebenfalls wortkarg. "Ich bin noch in Deutschland", sagt er. Und seine Verwandten und Freunde, wissen die, wo er sich aufhält? "Ich bin noch in Deutschland", wiederholt er. Hat er Polizeischutz? "Darf ich nicht sagen." Fühlt er sich geschützt? "Gut genug."

Najafis Mutter und Schwestern leben bis heute in Iran. "Die haben nichts zu tun mit meiner Musik und meiner politischen Richtung", betont der Sänger. "Das sind normale Menschen." Sorgen mache er sich trotzdem um seine Familie, "natürlich".

Und nun? Najafi weiß es auch nicht so genau. Er und sein Manager, Shahryar Ahadi, hätten noch einige Interviews vor sich, dann wollen sie abwarten, was passiert, sagt er. Zumindest die Reaktionen aus Deutschland und von Intellektuellen aus seiner Heimat machen dem Sänger Mut. "Das Feedback ist gut", sagt er. Daran, mit seiner Musik aufzuhören, denkt er nicht im Traum. "Ich muss auftreten. Ich kann doch nicht drinnen bleiben."