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Musik:Leben für die Laute

Der Musiker Thabet Azzawi hat sich und sein Instrument nur knapp aus den Trümmern Syriens gerettet. Kaum ist er in Deutschland, nimmt er mit dem britischen Sänger Sting einen Song auf.

Von Beate Erler

Er macht immer diese Bewegung mit seiner rechten Hand. Es sieht aus, als ob er sie schüttelt, weil seine Finger eingeschlafen sind. Aber Thabet Azzawis Finger schlafen nie, sie sind immer in Bewegung, stets auf der Suche nach den Saiten und der Musik. Wenn er gerade nicht Oud spielt, dann spielt er Luftgitarre oder Luftkurzhalslaute, wie man in diesem Fall wohl sagen müsste. Denn das ist die Oud: eine Laute und das wohl populärste Saiteninstrument des arabischen Raums. Thabet Azzawi ist ein Meister der Oud, und das führte ihn von Syrien bis in ein Tonstudio nach Berlin, wo er mit dem Musiker Sting einen Song aufgenommen hat.

Irgendwie ist der 26-Jährige mit seiner Musik in ein kleines Glück gestolpert. Ein mit ihm befreundeter Musiker saß mit Stings Schlagzeuger Rhani Krija in einem Berliner Café. Der fragte, ob er zufällig einen professionellen Oud-Spieler kenne. Thabets Name fiel, und einige Tage später hatte er eine E-Mail in seinem Postfach, im Anhang der Vertrag für eine Studioaufnahme mit Sting. Da lebte Thabet Azzawi noch nicht lang in Dresden, wo ihn seine Flucht aus Syrien hingeführt hatte. Die Familie des Musikers floh 2013 aus ihrer Heimatstadt Deir ez-Zor im Osten des Landes. Zu dieser Zeit hatten die Terroristen des Islamischen Staates die Stadt bereits besetzt. Seine Eltern und ein Bruder leben heute in London, er, sein zweiter Bruder und seine Schwester in Deutschland.

Bis nach Dresden, das die neue Heimat des Musikers und Medizinstudenten ist, war es ein langer Weg. Nicht nur sein Leben musste Thabet retten, sondern auch das seiner Laute. Für sie hat er sich mehrmals in Lebensgefahr gebracht. Viele erklären ihn deshalb für verrückt, er könne sich doch ein neues Instrument kaufen, sagen sie. Aber für Thabet stand fest: "Ohne die Musik meiner Oud kann ich nicht leben. Es hat richtig weh getan, ohne sie zu sein."

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Die Oud ist eine Kurzhalslaute - und das populärste Instrument im arabischen Raum.

(Foto: E+/Getty Images)

Seine besondere Beziehung zu der orientalischen Kurzhalslaute begann schon, als er gerade zwei Jahre alt war. Als kleines Kind weinte er oft, aber sobald sein Bruder die Oud spielte, war er wieder froh. Später gab ihm dieser Bruder Unterricht. Sein Vater erkannte das Talent und engagierte eine Musiklehrerin, die dem damals Neunjährigen zuerst Klavierspielen beibrachte. Auch das lernte Thabet ungewöhnlich schnell, doch eigentlich wollte er schon immer nur die Oud spielen.

In Europa ist das Instrument fast unbekannt, in der arabischen Welt ist es das Populärste. "In Berlin leben einige gute Oud-Spieler", sagt Thabet, "aber sie spielen trotzdem nicht auf einem sehr hohen Niveau." Wenn er über seine Musik spricht, wird der sonst zurückhaltende und bescheidene Mann sehr selbstbewusst. Jeden Tag spielt er mindestens zwei Stunden. Am Nachmittag nach dem Deutschunterricht und abends. Er ist Perfektionist, versucht sich immer wieder an neuen Techniken, obwohl er, wie er sagt, nur Hobbymusiker sei.

In ihrem syrischen Heimatort war die Familie als atheistisch und oppositionell bekannt

Umso stolzer war er, als Sting ihn für einen Song auf seinem neuen Album ausgesucht hat. Für die Aufnahme des Songs fuhr Thabet in die Emil Berliner Studios, wo schon Anna Netrebko und Lang Lang ihre Alben eingespielt haben. Im Studio traf er dann unter anderem auf Rhani, den marokkanischen Schlagzeuger und natürlich auf Gordon Sumner, besser bekannt als Sting. Sie improvisierten, tauschten sich über den Stil des Songs aus, dann begannen die Aufnahmen. Nur zwei Versuche brauchte Thabet: "Es ging sehr schnell, weil sie alle Profimusiker sind, aber es war trotzdem entspannt wie unter Kollegen."

Die ganze Welt soll meine Laute hören, wünscht sich Thabet Azzawi (rechts). Der britische Musiker Sting (links) macht es möglich.

(Foto: Inken Sarah Mischke/OH)

Wenn das Album in einigen Monaten erscheint, geht Thabets größter Wunsch in Erfüllung: "Meine Oud wird dann auf der ganzen Welt zu hören sein." Er denkt dabei zuerst an sein Instrument. Nicht daran, dass man auch ihn dann überall hören kann. Das liegt auch an der Geschichte des Instruments. Der bekannteste syrische Oud-Macher, Ali Khalife, hat sie gebaut als Geschenk für Thabets Bruder, der seiner Enkeltochter einst das Leben rettete. Das Instrument ist ein Meisterwerk und verfügt mit sieben Saiten über drei mehr als üblich. Damit hat Thabet einen großen technischen Fortschritt gemacht, weil er feinere Nuancen spielen kann.

Ein Instrument, das nicht einfach zu ersetzen wäre. Nach seiner Flucht von Syrien nach Libanon ging Thabet Azzawi deshalb noch einmal zurück nach Deir ez-Zor. Er hatte die Oud dort zurücklassen müssen. Einen Bombenangriff auf das Elternhaus hat sie, wie durch ein Wunder, heil überstanden. Zehn Tage musste er in dem Kriegsgebiet bleiben, bevor er bis nach Jemen fliehen konnte, wo er zwei Jahre lebte und weiter Medizin studierte, bis er später nach Deutschland kam.

Musik zu machen, war schon in den letzten Jahren in Syrien nicht leicht für ihn. Die Familie war im Ort bekannt für ihre atheistische und oppositionelle Einstellung. Thabet schrieb kritische Kurzgeschichten, für die er einen Preis gewann, für die er aber auch einen Preis zahlen musste. Er bekam Auftrittsverbot und konnte nur allein in seinem Elternhaus komponieren und musizieren.

Das hat sich in Dresden grundlegend geändert. Hier spielt er in der "Banda Internationale" zusammen mit Dresdner und geflüchteten Musikern, hält Workshops zur orientalischen Musik an der Musikhochschule und gibt Konzerte mit anderen Musikern. Für das Theaterstück "Verbrennungen" an den Landesbühnen Sachsen hat er mehrere Melodien komponiert. Es behandelt Themen, die Thabet kennt: Krieg, Flucht und Verlust. Trotz dieser Erfahrun-gen hat er es geschafft, seine Musik vor dem Krieg zu retten. Er hat sie mitgenommen in seine neue Heimat.

© SZ vom 06.07.2016
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