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Mordserie:Er hörte auf, die Opfer zu zählen

Es ist die größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte: Krankenpfleger Niels Högel soll neben den bereits bekannten Fällen 84 weitere Menschen umgebracht haben.

Fortsetzung Prozess gegen ehemaligen Krankenpfleger

„Ich habe das Ausmaß meiner Straftaten gar nicht realisiert.“: Niels H. vor dem Landgericht Oldenburg im Jahr 2015.

(Foto: Ingo Wagner/dpa)

Wie viele Menschen Niels Högel getötet hat, weiß möglicherweise nicht einmal er selbst. Immer wieder hat der Krankenpfleger den Kick gesucht, immer wieder hat er seinen Patienten tödliche Mengen an Medikamenten gespritzt, um sie dann dem Tod zu entreißen. Wenn der Tod ihm nicht zuvorkam. Seit fast drei Jahren versucht eine Sonderkommission die große Zahl der Patienten, die Niels Högel getötet hat, zu ermitteln. Der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme sagte am Montag, die aktuellen Ergebnisse der Sonderkommission "sprengen jede Vorstellungskraft". Niels Högel sei außer für die bekannten Fälle für mindestens 84 Morde verantwortlich. Bald könnte er erneut vor Gericht stehen, für eine der größten Mordserien der deutschen Kriminalgeschichte.

Niels Högel, heute 40 Jahre alt, wurde bereits zu lebenslanger Haft verurteilt, wegen des Todes von sechs Patienten. Das Landgericht Oldenburg hatte ihn des zweifachen Mordes, des zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung für schuldig befunden. Auf der Anklagebank hatte er damals überraschend etwa 30 weitere Taten gestanden. Insgesamt hat die Polizei also 90 Morde aufgedeckt, die Niels Högel vorgeworfen werden.

Von 1999 bis 2002 hatte er im Krankenhaus Oldenburg und anschließend im Klinikum Delmenhorst gearbeitet. Immer wieder spritzte er Patienten große Mengen an Medikamenten, die Herzversagen oder einen Kreislaufkollaps auslösten, um sie selbst als Retter in letzter Sekunde zu reanimieren. Das gelang ihm nicht immer.

Die Ermittler der Sonderkommission mit dem Namen "Kardio" berichteten am Montag, sie hätten Hunderte Patientenakten ausgewertet und mehr als 100 Leichen ausgraben, um diese auf Rückstände von Medikamenten zu testen. Die Zahl der Menschen, die Högel getötet habe, liege wohl noch deutlich höher, als derzeit angenommen, weil viele Patienten eingeäschert wurden, sagte Polizeipräsident Kühme. 101 Patienten, die während Niels Högels Dienstzeit in Delmenhorst verstarben, seien feuerbestattet worden. Die Staatsanwaltschaft will bis Anfang 2018 Anklage erheben, dann könnte Niels Högel also wieder vor Gericht stehen. Für ihn ändert sich dadurch nichts, er hat ohnehin keine Aussichten auf Haftverkürzung: Schon im ersten Prozess war die besondere Schwere der Schuld festgestellt worden.

Weil während seiner Schichten auffällig viele Patienten starben, gab es laut Ermittlern an beiden Kliniken Verdachtsmomente. In Delmenhorst gab es laut Staatsanwaltschaft sogar konkrete Hinweise, dass der Pfleger seine Patienten tötete. Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden sich deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten müssen. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche am Klinikum Oldenburg laufen noch. Von dort aus war Niels Högel mit einem Arbeitszeugnis nach Delmenhorst gewechselt, das ihm bescheinigte, er habe die ihm übertragenen Aufgaben "zur vollsten Zufriedenheit erledigt". Während des Prozesses vor zwei Jahren hatte ein damaliger Chefarzt der Klinik ausgesagt, er habe Niels Högel schon bald nicht mehr auf seiner Station haben wollen. Nicht, weil er seinen Job nicht beherrscht hätte, sondern weil ständig Patienten reanimiert werden mussten, wenn der Pfleger Dienst hatte.

"Die Morde hätten verhindert werden können", sagte Polizeipräsident Kühme. Die damals Verantwortlichen hätten aus Sicht der Ermittler schneller handeln und Unterstützung suchen sollen. "Im Klinikum Oldenburg wusste man um die Auffälligkeiten."

Aber erst im Juni 2005 schritt in Delmenhorst eine Kollegin ein: Als bei einem Patienten Herzprobleme auftraten, während auch Högel im Krankenzimmer war, entnahm sie eine Blutprobe. Darin wurde ein Präparat nachgewiesen, das auch in den Leichen vieler exhumierter Opfer festgestellt wurde. Und dessen Verbrauch innerhalb eines Berufsjahres von Högel um 400 Prozent angestiegen war.

Die Stiftung Patientenschutz äußerte nach Bekanntwerden der neuen Zahlen am Montag deutliche Kritik: "Sowohl Kolleginnen und Kollegen, Arbeitgeber als auch Polizei und Justiz haben zu lange weggeschaut." Wirksame Konsequenzen seien bis heute nicht gezogen worden. "In vielen der bundesweit 2000 Krankenhäusern wurden die Kontrollmechanismen nicht verschärft." Die Stiftung fordert eine externe, unabhängige Stelle, an der Informanten ihre Beobachtungen über Missstände und Straftaten anonym, ohne Angst vor beruflichen Konsequenzen melden können.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hingegen will diesen Fall nicht als Symbol für grundlegende Missstände in Krankenhäusern verstanden wissen. "Ich warne vor einem Generalverdacht gegen all unsere Pflegerinnen und Pfleger, die sich tagtäglich für andere einsetzen. Hier geht es um ein geplantes Verbrechen eines Einzelnen", sagte der CDU-Politiker der SZ am Montag.

Die große Frage nach dem Warum, die mit jedem nachgewiesenen Opfer drängender wird, hat Niels Högel schon während seines Prozesses im Februar 2015 beantwortet. Ihm sei langweilig gewesen, sagte er damals. Er habe sich "spontan" Patienten ausgesucht, meist solche, die im Koma lagen oder beatmet wurden, weil er bei wachen Patienten Angst davor hatte, dass sie ihn anschauen, wenn, wie er sagte, "die Pumpe aussetzt". Er habe ihnen die Spritzen gegeben und das Zimmer verlassen.

Anfangs war er noch vorsichtig, später nicht mehr. Irgendwann injizierte er die tödlichen Mittel sogar, wenn am Bett nebenan Visite war. Er habe sich wie auf einem "Podest" gefühlt, wenn er die Patienten dann dem von ihm herausgeforderten Tod wieder entriss, soll er einmal einem Sachverständigen gesagt haben. Einmal haben die Kollegen ihm, dem Meister der Wiederbelebung, sogar eine Kette aus Venenkathetern gebastelt.

Die Sonderkommission stellt ihre Arbeit ein, die Ermittlungen aber laufen weiter. "Wir werden nie alles wissen", sagte Polizeipräsident Kühme. Auch Högel selbst hat einmal gesagt: "Ich habe das Ausmaß meiner Straftaten gar nicht realisiert." Ein damaliger Zellengenosse sagte vor zwei Jahren aus, Niels Högel habe ihm erzählt, er hätte bei 50 aufgehört zu zählen.

© SZ vom 29.08.2017
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