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Mordfall Lena:Emder entschuldigen sich bei Unschuldigem

Etwa 200 Menschen haben sich versammelt, um ihre Solidarität für den vorübergehend verdächtigten Schüler zu bekunden. Die Identität des 17-Jährigen war bekanntgeworden, woraufhin sich vor dem Polizeirevier ein Lynchmob gebildet hatte.

Etwa 200 Menschen haben sich am Mittwochabend vor dem Emder Bahnhof öffentlich bei dem im Mordfall Lena zu unrecht beschuldigten 17-Jährigen und seiner Familie entschuldigt. "Wir wünschten, wir könnten es rückgängig machen. Es tut uns leid. Es ist unser großer Wunsch, dass ihr uns verzeiht", sagte eine der Veranstalterinnen der Aktion.

Mordfall Lena

200 Menschen kamen in Emden zusammen, um sich bei dem zu Unrecht verdächtigten 17-Jährigen und seiner Familie zu entschuldigen.

(Foto: dpa)

Vom Bahnhof zogen die Teilnehmer zu der provisorischen Gedenkstätte am Parkhaus weiter, um dort Blumen niederzulegen und eine Gedenkminute abzuhalten. Dort war die elfjährige Lena am 24. März tot aufgefunden worden.

Vergangene Woche hatten Polizisten den 17-jährigen Schüler zunächst festgenommen und nach weiteren Ermittlungen wieder freigelassen. Danach hatte ein anderer, 18 Jahre alter Mann die Tat bei Vernehmungen gestanden.

Der Fall hatte weit über Emden hinaus für Aufruhr gesorgt, weil gegen den 17-Jährigen nach dessen Festnahme über soziale Netzwerke im Internet Gewalt- und Todesdrohungen geäußert worden waren. Nach einem Aufruf hatten sich rund 50 Menschen vor einem Polizeirevier versammelt und stundenlang die Herausgabe des Beschuldigten verlangt. Dabei wurde zum Lynchmord aufgerufen.

Anwaltverein fordert bessere Entschädigung für Justizopfer

Der Berliner Anwaltverein fordert angesichts der fälschlichen Verhaftung des 17-Jährigen eine bessere Entschädigung für Justizopfer. "Polizei und Staatsanwaltschaft haben einen Jugendlichen drei Tage lang unschuldig hinter Gitter gebracht und der Staat will ihn mit nur 75 Euro abspeisen", sagte der Vorsitzende des Vereins, Ulrich Schellenberg, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

"Die dauerhafte Rufschädigung und der entstandene seelische Schaden lassen sich so in keiner Weise wiederherstellen und entschädigen." Der Fall zeige, dass Deutschland kein taugliches Entschädigungssystem habe. Schellenberg fordert eine Anhebung des aktuellen Satzes von 25 Euro auf 100 Euro pro Tag. "Wer zu Unrecht in die Mühlen der Justiz gerät, ist weit überwiegend auf den guten Willen des Staates angewiesen", sagte er.

Während rechtskräftig verurteilte Straftäter mit Recht einen Bewährungshelfer zur Wiedereingliederung an die Seite gestellt bekämen, "bleiben Justizopfer auf sich selbst gestellt". Der hier betroffene junge Mann müsse für alle Folgeschäden zunächst selbst aufkommen - etwa psychologische Betreuung oder einen Schulwechsel - und dann oft in langen Verfahren über eine Erstattung streiten.

Der Anwaltverein forderte, der Staat müsse solche Kosten "unbürokratisch übernehmen". Polizei und Staatsanwaltschaft müssten eine Vorverurteilung mit allen Mitteln verhindern, mahnte Schellenberg. Auf die "Medienbegleitung einer Verhaftung" müsse grundsätzlich verzichtet werden.

© Süddeutsche.de/AFP/dapd/dpa/sks/gba
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