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Missbrauchsvorwürfe gegen Klaus Kinski:Phantasie und Wirklichkeit

Diesem Wüterich, der "liebste Feind" seines besten Regisseurs Werner Herzog, ist ohne weiteres zuzutrauen, dass er sich durch sein Leben als Vater und Ehemann ebenso berserkerte wie durch seine Filme. Der grausame Kopfgeldjäger in Sergio Corbuccis "Leichen pflastern seinen Weg" heißt schließlich nicht umsonst "Loco", den nur der komplett verrückte Kinski spielen konnte.

Auch wenn sie nicht nachprüfbar ist, wird die Geschichte mit all ihren abstoßenden Details wohl stimmen. Sie ist das Zeugnis einer vielfach missbrauchten, als Kind für teuer Geld in Internate abgeschobenen Frau, früh auf hohem Niveau verwahrlost, mit Cartier und in Restaurants, wo "der Papst isst", rettungslos verzogen, unverantwortlich sexualisiert und für ein halbwegs normales Leben gründlich verdorben.

In der Schule wird ihr vorgehalten, sie könne "Phantasie und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten", was bei einem Leben zwischen einer Protz-Villa an der Via Appia Antica und dem Resopal einer Lehrerwohnung in München-Neuhausen niemanden verwundern wird. Während der Vater sich an ihr vergeht, hört sie, wie dessen neue Frau der Stiefschwester ein Schlaflied singt. "Wer singt für mich? Ich weine leise, Tränen laufen über mein Gesicht."

Der Missbrauch beschränkt sich keineswegs auf den brüllenden, geifernden, die Kellner und die Domestiken beschimpfenden Kinski. Von früh auf steht sie selber auf der Bühne, bekommt kleinere Rollen beim Film. Als sie für einen Warn- und Aufklärungsfilm ein Mädchen spielt, dem auf dem Oktoberfest ein älterer Mann nachstellt, wird ihr Einfühlungsvermögen gelobt. Von der Gage sieht sie nichts; Mutter und Stiefvater leben davon.

Aus Pola Kinski ist später ebenfalls eine Schauspielerin geworden, die weit subtiler agierte als ihr Vater, wenn auch niemals so märchensomnabul wie ihre Halbschwester Nastassja Kinski, die dafür ihre eigenen Probleme einsammelte. Es ist ihr zu wünschen, dass sie ihre fürchterliche Kindheit damit ein für allemal verarbeitet hat. Nur der Gefahr, dass sie ein Buch nicht nur für sich geschrieben hat, sondern damit auch einen Voyeurismus bedient, der wird sie nicht entgehen.

Sie habe gegen die allgemeine "Kinski-Vergötterung" geschrieben, hat die Autorin in einem Gespräch mit dem Stern gesagt. "Ich konnte es auch nicht mehr hören: 'Dein Vater! Toll! Genie!'". Am Ende hat sie den Kinski-Familienmythos nicht demontiert, sondern um eine weitere Facette bereichert.

© SZ vom 11.01.2013/feko

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