Missbrauch an Jesuitenschule Schweigen aus Scham

Der Skandal um sexuellen Missbrauch von Schülern des katholischen Jesuiten-Ordens weitet sich aus. Es gab Übergriffe in Hamburg, St. Blasien, Göttingen, Hildesheim, Chile und Spanien.

Von Oliver Bilger

Die Sätze waren verklausuliert, dennoch lieferten sie Hinweise auf die erschreckenden Vorgänge am Berliner Canisius-Kolleg. Schon 1981 schrieben Schüler einen offenen Brief an die Schulleitung und den Obersten des Jesuiten-Ordens, in dem sie die "Sexualpädagogik" von Pater Peter R. kritisierten, der die "Gemeinschaft Christlichen Lebens" betreute. Die Schüler erklärten, in den Gruppenstunden sei mit Verboten versucht worden, "die Sexualität einzelner gezielt zu steuern und zu beeinflussen". Sie befürchteten, dass "Komplexe und Verklemmungen herangezüchtet werden, die sich zu Neurosen ausweiten könnten".

Im Missbrauchskandal an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg sind weitere Details an die Öffentlichkeit gelangt.

(Foto: Foto: Reuters)

Die Missbrauchsfälle am Jesuiten-Gymnasium waren also weit früher bekannt als bislang angenommen. Der deutsche Chef des Jesuiten-Ordens, Pater Provinzial Stefan Dartmann, legte das Schreiben am Montag vor. "Als Provinzial will ich nichts verdunkeln oder unterschlagen."

Schulleitung rechnet mit mehr Opfern

Dartmann bat außerdem die Missbrauchsopfer um Entschuldigung. "Ebenso bitte ich um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigem und genauem Hinschauen und Reagieren unterlassen wurde." Über Jahre sollen am Kolleg mindestens 22 Kinder missbraucht worden sein. Die Schulleitung befürchtet, dass sich in den nächsten Tagen und Wochen noch andere Opfer melden werden.

Der Rektor, Pater Klaus Mertes, vermutet weiterhin, dass es eine "noch höhere Dunkelziffer gibt". Er gehe davon aus, "dass ganze Jahrgänge betroffen sind". Gleichzeitig wurden neue Fälle bekannt, die nicht in Berlin geschehen sein sollen; doch es werden die selben Patres, Peter R. und Wolfgang S., beschuldigt. Die Beschuldigten hatten auch nach dem Verlassen des Berliner Gymnasiums weiter Kontakt zu Kindern und Jugendlichen.

Der Jesuiten-Orden habe Kenntnis von mutmaßlichen Opfern in anderen Einrichtungen in Göttingen, Hamburg, St. Blasien und Hildesheim, erklärte Dartmann. Zugleich gebe es Hinweise in Akten, dass sich Wolfgang S. auch in Chile und Spanien des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht habe.

Übergriffe auch an anderen Schulen

Wolfgang S. war Lehrer für Deutsch, Religion und Sport. Er lehrte von 1975 bis 1979 in Berlin und anschließend bis 1982 an der St.-Ansgar-Schule in Hamburg. Von 1982 bis 1984 war er in St. Blasien im Schwarzwald tätig. Danach ging er nach Chile und trat 1992 aus dem Orden aus. In Hamburg sowie in Baden-Württemberg sei er in psychologischer Betreuung gewesen, erklärte Dartmann.

In einem Fragebogen zur Rückversetzung in den Laienstand habe S. Anfang der neunziger Jahre selbst angegeben, dass es während seiner Zeit in St. Blasien und in Hamburg sexuelle Übergriffe gegeben habe. Diese hätten in einem "exzessiven körperlichen Bestrafungsritual" bestanden, nicht aber in Geschlechtsverkehr.

Der zweite mutmaßliche Täter, Peter R., war von 1972 bis 1981 als Religionslehrer und in der Jugendarbeit am Berliner Gymnasium tätig. Von 1982 bis 1989 war er in der Jugendarbeit in Göttingen beschäftigt, anschließend in Mexiko und Hildesheim. Im Jahr 1995 habe er den Orden verlassen, nachdem ihm der Austritt nahegelegt worden sei, erklärte Dartmann.

Die meisten Betroffenen hätten all die Jahre aus Scham geschwiegen, sagte die Ordensbeauftragte für Fälle von sexuellem Missbrauch, Anwältin Ursula Raue.

Ermittlungen des Ordens sollen klären, "welches Wissen es um die Vorfälle seinerzeit bei den Verantwortlichen in Schule und Orden gegeben hat" kündigte Dartmann an. Rektor Mertes erklärte, den Opfern gehe es heute um die Kommunikation mit der "institutionellen Täterseite". Sie seien damals "auf Schweigen gestoßen und versunken". Warum der Brief 1981 nicht beachtet worden sei, wisse er nicht. Er schäme sich dafür.