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Leichenfund in Lkw:Opfer wohl Vietnamesen

Anna Tran Thi Giao, grandmother of Vietnamese Joseph Nguyen Dinh Luong who is one of the suspected victims of the 39 people found dead in a refrigerated truck in Britain, reacts at her home in Ha Tinh province

Anna Tran Thi Giao aus der Provinz Ha Tinh in Vietnam mit einem Bild ihres vermissten Enkels.

(Foto: Kham/Reuters)

Familien in Vietnam vermissen nach dem Fund von 39 Leichen in England Angehörige. Die britischen Behörden erheben Anklage gegen den Lkw-Fahrer.

Von Moritz Geier

Er steht zwar nicht mehr wie bisher unter Mordverdacht, aber die Liste der Verbrechen und Vergehen, die dem 25-Jährigen vorgeworfen werden, hat es dennoch in sich: Totschlag in 39 Fällen, Beteiligung an Menschenhandel, Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Geldwäsche.

Wie die Polizei in der Grafschaft Essex am Samstag mitteilte, haben die englischen Behörden Anklage gegen den Mann aus Nordirland erhoben. Er saß am Steuer jenes Sattelzugs, in dessen Fracht am vergangenen Mittwoch nahe London 39 tote Menschen entdeckt worden waren. Sie waren im Laderaum des Kühllasters vermutlich erfroren.

"Es tut mir leid, Mama und Papa", schreibt eine Vermisste, und: "Ich kann nicht atmen"

Der Mitteilung der Polizei in Essex war kurz zuvor eine Nachricht aus Irland vorangegangen. Dort nahm die Polizei im Dubliner Hafen einen weiteren Mann aus Nordirland wegen einer anderen mutmaßlichen Straftat fest. Auch er wird allerdings verdächtigt, an dem Verbrechen von Essex beteiligt zu sein. Seine Verhaftung nährt laut Guardian den Verdacht, dass eine irische Schmugglerbande Teil des Netzwerks gewesen sein könnte, das die Menschen im Lkw transportierte.

Am Freitag hatte die britische Polizei wegen des Verdachts der Beteiligung an Menschenhandel bereits drei weitere Personen verhaftet: einen 48-jährigen Mann aus Nordirland und ein verheiratetes irisches Paar aus Warrington in England. Das Paar soll bestreiten, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Die beiden 38-Jährigen behaupten, den Laster vor 13 Monaten verkauft zu haben.

Auch hinsichtlich der Opfer treibt die Polizei die Ermittlungen voran. Die Vermutung, dass es sich bei den Menschen, 31 Männer und acht Frauen, um ins Land geschmuggelte Migranten handeln könnte, scheinen sich zu bestätigen. Erst war die Polizei jedoch davon ausgegangen, dass die Toten chinesischer Herkunft seien, alle 39 Toten hätten die chinesische Staatsbürgerschaft gehabt, hieß es am vergangenen Donnerstag.

Nun aber konzentrieren sich die Ermittler auf Vietnam als Herkunftsland. "Ich lege den Fokus im Moment auf die vietnamesische Gemeinschaft", sagte der Polizeibeamte Martin Passmore, dessen Aufgabe es ist, die Opfer zu identifizieren. Dem Guardian sagte Passmore, er stehe mit dem Botschafter und Behörden in Vietnam in Kontakt, um Fingerabdrücke der Opfer abzugleichen. Die britische Polizei spricht von einem "sich entwickelnden Bild".

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Wochenende von vietnamesischen Familien, die vermuteten, dass Verwandte unter den Opfern sind. Ein Mann aus Can Lôc im Norden Vietnams sagte, er befürchte, dass sein 20-jähriger Sohn in dem Lkw ums Leben gekommen sei. "Ich habe ihm geraten, nicht zu gehen, und ich habe ihm gesagt, dass unsere Familie ihre Kinder immer ordentlich großgezogen hat, obwohl wir immer nichts hatten und die Umstände für die Kinder hart waren." Die vietnamesische Polizei habe eine DNA-Probe genommen, um seinen Sohn zu identifizieren.

Ein katholischer Priester aus dem Ort Yên Thành in der verarmten Provinz Nghê An sagte Reuters zufolge, er stehe in Verbindung mit Angehörigen der Toten. Sie hätten ihm berichtet, dass Verwandte zu dieser Zeit nach Großbritannien gelangen wollten, und dass sie nun vergeblich versuchten, Kontakt aufzunehmen.

Laut der vietnamesischen Menschenrechtsvereinigung Human Rights Space gibt es von einer Vermissten eine letzte Nachricht: "Es tut mir leid, Mama und Papa. Mein Weg ins Ausland war kein Erfolg", schreibt sie, und: "Ich kann nicht atmen." In den sozialen Netzwerken in Vietnam machte der Hashtag #RIP39 die Runde.

© SZ vom 28.10.2019
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