Karnevalsband "Die Rheinländer" Hölle Alaaf

Probleme in der Kölnarena, Polonaise im Mehrzwecksaal, Tabletten im Tourbus - unterwegs mit einer Karnevalsband der zweiten Liga.

Von Hans Hoff

Wenn auf einer Kölner Karnevalssitzung gar nichts mehr geht, gibt es immer noch ein letztes Mittel. Zu dem greift im Messe-Congress-Saal gerade der Bauchredner und fragt seine Handpuppe, ob sie denn eventuell eine flüssige Sterbehilfe mit sieben Buchstaben kenne. Natürlich verneint die Puppe, woraufhin die Antwort den erhofften Kracher bringt: "Altbier!"; Der Seitenhieb gegen die Düsseldorfer Nachbarn sitzt.

Die Narren sind los

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Damit hellt sich auch die trübste Stimmung. Und Stimmung braucht die Sitzung im Congress-Saal gerade dringend. Selbst die Männer im Elferrat, denen meterlange Federn aus den bemützten Köpfen zu wachsen scheinen, wirken zu früher Sitzungsstunde um 19.45 Uhr schon ein wenig müde. Aber die Retter nahen.

Die Rheinländer rücken an, und schon beim Einmarsch werden die sechs Herren in den bunten T-Shirts bejubelt wie Befreier. Von nun an haben sie 25 Minuten Zeit, den 1000 vergnügungswilligen Narren Tanzbeine zu machen.

"Die Rheinländer" sind eine Band der neuen Kölner Generation, eine, die man vor zehn Jahren noch von der Bühne gejagt hätte, weil ihre Songs mit einer Mischung aus Shuffle und Polka zu rockig, ihre Zeilen zu frech und ihr Auftreten zu leger ausfallen. Aber inzwischen darf es durchaus auch mal krachen. Hauptsache, das Publikum macht mit

Bei den Rheinländern macht es mit. Es klatscht frenetisch, wenn rockige Polkarhythmik den Takt bestimmt, und es schunkelt gefühlsduselig, wenn leise Töne an die romantische Seele ausgesandt werden. Bei solchem Unterfangen hilft es, wenn man in Köln wichtige Signalworte im Repertoire hat.

Wer die Kölner begeistern will, sollte von "Kölle" singen, vom "Dom", vom fließenden "Rhing" und natürlich vom Zentralorgan "Hätz", das am liebsten für ein friedliches Miteinander schlägt. Wenn so etwas auch außerhalb der Kölner Bucht funktioniert, ist das ein großer Erfolg. Die "Höhner" haben es vorgemacht mit ihrem "Viva Colonia", das seit Jahren bundesweit erklingt.

"Uns fehlt der Smash-Hit"

So weit sind die Rheinländer, die gerade mal auf eine CD verweisen können, noch nicht. "Was uns fehlt, ist der Smash-Hit", sagt Holger, der Sänger. "Bei den Höhnern flippen die Leute direkt aus. Wir müssen noch kämpfen", klagt Kalla, der Bassist und Bandgründer.

Im Congress-Saal ist der Kampf jetzt vorbei. Groß war der Jubel, und die meisten haben mitgesungen, als die Rheinländer ihren kleinen Schunkelhit "Ääver schön wor et doch" angestimmt haben. Jetzt packen die Musiker ihre Gitarren in die Koffer und eilen zum Aufzug. Unten vor der Messe wartet schon der Bandbus. Ruckzuck haben die drei Techniker die Minianlage verstaut, und ab geht es zum nächsten Auftritt 20 Kilometer nördlich.

Im Bus liegen Apfelschorle, Tee und Halstabletten bereit, und aus den Sitztaschen quellen massenweise Orden. Um die 70 Stück bekommt jeder Musiker pro Session umgehängt. Kein Wunder bei 130 Auftritten in sieben Wochen. Kontakte zu Freunden und Frauen finden in dieser Zeit per SMS statt.

Zu groß die Zahl der Verpflichtungen. Noch schwieriger wird es für die sechs Herren im Alter zwischen 36 und 43 Jahren, während der Session ihre Alltagsberufe auszuüben. Tontechniker, Musiklehrer, Familienzeitler oder Versicherungsangestellte mit Gleitzeit sind die Rheinländer im außerkarnevalistischen Leben. Keiner von ihnen hat Urlaub genommen.

Natürlich verdienen sie auch Geld. Wie viel genau, wollen sie nicht sagen. Was übrig bleibt, nennt der Keyboarder Christian "einen vernünftigen Zugewinn". Vor der Opladener Stadthalle laden die Techniker kurz vor neun in Ruhe aus. Die Band hat noch Zeit für eine Gulaschsuppe aus labbrigen Plastiktellern. Gesunde Ernährung ist schwierig in diesen Zeiten.

Die ersten stehen auf den Stühlen, bevor ein Ton erklungen ist

Während die Rheinländer noch spachteln, ist im Saal erneut ein Bauchredner zugange. Wieder erklingen Witzchen der eher schlüpfrigen Art. Für die Rheinländer ist das eine schöne Vorlage, denn als sie einlaufen, werden sie freudig begrüßt, und die ersten Opladener stehen schon auf den Stühlen, bevor überhaupt ein Ton erklungen ist. Als die Rheinländer ihre sechs vereinbarten Stücke durch haben und zum Bus eilen wollen, verordnet ihnen der Sitzungspräsident eine weitere Zugabe.

Die war nicht vereinbart, aber die Rheinländer müssen wohl oder übel mitmachen. Dementsprechend sind sie hinterher angesäuert, weil ihnen um 22.20 Uhr exakt zehn Minuten bleiben, um ins sieben Kilometer entfernte Leverkusener Forum zu kommen. Zehn Minuten Verspätung dürfen sie sich laut Vertrag erlauben, danach brauchen sie gar nicht erst anzutreten. Ist aber noch nie vorgekommen, beschwichtigt Holger.

Kommt auch diesmal nicht vor, was am Fahrer liegen mag, der etwas für sein Flensburger Punktekonto tut. Als die Rheinländer um 22.35 Uhr ins Forum hasten, geht gerade der Bauchredner mit dem "Altbier"-Gag von der Bühne. Schon beim zweiten Rheinländer-Lied zieht eine Polonaise durch den tristen Mehrzwecksaal und beweist, dass Karneval eben auch ist, was man draus macht, wenn 27 Euro Eintritt abgefeiert werden wollen.

Die Rheinländer betreiben derweil Heimatkunde für Geo-Legastheniker. "Kölle es do wo d'r Dom steit", erklären sie melodisch und befriedigen damit eine tief sitzende Sehnsucht aller Köln-Freunde, die sich ihrer Heimatgefühle mehrfach am Tag wortreich versichern müssen. Das funktioniert sehr gut überall dort, wo man den Karneval mit "Alaaf" begrüßt.

Wenige Auftritte im Helauland

Die Anzahl der Rheinländer-Auftritte im feindlichen Helauland sind an einer Hand abzählbar. Nach dem Auftritt ist wieder Eile angesagt. Jetzt strebt die Band dem Höhepunkt zu. Es geht wieder knapp 18 Kilometer südwärts in die "Lachende Kölnarena", wo schon 10000 Jecken seit 19 Uhr singen, schunkeln und ihren Körpern helle Flüssigkeit zuführen.

Die an elf Tagen ausverkaufte "Lachende Kölnarena" ist der Ritterschlag für eine Zweitliga-Band wie die Rheinländer. Wenn sie hier ankommen, können sie es weit schaffen. Einen Tag vorher hat das funktioniert. Da haben alle mitgesungen, da wogte die Masse der schrill Verkleideten und sah ein bisschen aus wie kochendes Konfetti.

Um 23.30 Uhr fährt der Bus in die Tiefgarage unter der Arena. Alles ist still. Nichts deutet darauf hin, dass hier eine große Festivität stattfindet. Doch kurz vor Mitternacht öffnet sich für die Rheinländer eine Tür im Betongrau, und ab geht es in etwas, das Außenstehende problemlos mit der Vorhölle assoziieren könnten.

Drei Lieder dürfen die Rheinländer hier nur singen. Drei Lieder haben sie Zeit, die beschwipste Besatzung der Monsterhalle für sich zu gewinnen. Leider geht es daneben. Zu leise die Anlage, zu beschäftigt mit sich das Publikum.

Nach dem Auftritt schleichen die Musiker von der Bühne. In der Garderobe schimpfen sie kurz mit den Technikern, aber dann geht es schon wieder weiter. Um ein Uhr sollen sie im Kölner Dorint-Hotel spielen und können dort die eben erlittene Schmach wieder auswetzen. "Du hast jeden Abend mindestens eine zweite Chance", sagt Sänger Holger, und man sieht ihm an, dass die auslaufende Session arg an den Kräften gezehrt hat.

Nur noch wenige Stunden, dann ist Aschermittwoch, dann ist erst einmal Pause. Dann treffen sie sich irgendwann wieder, mieten eine abgelegene Hütte und denken über Liedzeilen nach, die im nächsten Karneval vielleicht den ersehnten Hit bringen. Damit die Rheinländer nicht mehr bei jedem Auftritt kämpfen müssen. Aber noch ist es nicht soweit.