bedeckt München 13°
vgwortpixel

Italien:Himmlische Aussicht

Papst Franziskus bleibt auch im Sommer in Rom. Dort gebe es genug zu tun, sagt er. Und so ist die Sommerresidenz im italienischen Castel Gandolfo erstmals seit 1626 für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Besuch.

Man sollte die Päpste ja nicht beneiden. Wäre verwegen. Und dennoch beschlich die Römer über die Jahrhunderte hinweg immer ein Hauch von Neid, wenn die Päpste im heißen Sommer südostwärts reisten für einige Wochen, dreißig Kilometer weit nur, um ihre Residenz in Castel Gandolfo zu beziehen. Das Dorf liegt entrückt auf den Colli Albani, hoch über der dichten Stadt. Umweht von feuchten Winden, die der Hitze ihre unerträgliche Spitze nehmen. Alte Pinien werfen dort ihre Schatten, so groß wie Fußballfelder. Im Osten ein See, der Lago Albano. Im Westen das Meer. Johannes Paul II. mochte den Ort ganz besonders. Er nannte ihn einmal "Vaticano Due", als wäre er die wichtigste Dependance des Kirchenstaates, sein zweiter Regierungssitz. Im Innenhof des Palazzo steht bis heute sein Wagen, ein dunkelblauer BMW 733 aus einer anderen Zeit, Nummernschild SCV 1.

Benedikt XVI. nannte die Residenz "Vaticano Due". Sein Nachfolger ist eher ein Freund des Frugalen

Benedikt XVI. verbrachte die ersten Monate seines selbst gewählten Ruhestandes im Apostolischen Palast - und in diesem Jahr wieder einen zweiwöchigen Urlaub. Sein Nachfolger aber, ein Freund des Frugalen, mag die Sommerresidenz nicht so sehr. Es stört ihn wohl die Pracht daran, der Luxus. Franziskus ließ seine Dienste wissen, dass er das Palais nicht nutzen werde, er habe genug Arbeit unten in Rom, man möge den Palazzo lieber dem Publikum öffnen.

Idyll abseits der Großstadt: Die Gartenanlage von Castel Gandolfo ist ebenfalls für Besucher zugänglich.

(Foto: Vincenzo Pinto/AFP)

Und so ist es nun also seit einigen Tagen öffentlich, dieses geheimnisvolle Ferienhaus der Päpste. Erstmals seit 1626, dem Jahr seiner Einweihung. Es steht am höchsten Punkt des schönen Dorfes, es thront geradezu am oberen Ende des Corso della Repubblica. Würden nicht Technobässe aus einem Wagen dröhnen, der quietschend die letzten Kurven nach Castel Gandolfo hochfährt, wähnte man sich in einer unwirklich stillen, lieblichen Idylle: putzig und geputzt, abseits vom Chaos der Großstadt. Junge Paare vermählen sich hier oben, eines nach dem andern, küssen sich für die Fotografen, lehnen dabei auch schon mal bedrohlich über den Beckenrand des Brunnens auf der Piazza, der dazu symphonisch plätschert.

Für den Besuch des Palazzo wird um "anständige Bekleidung" gebeten, was aber ganz offensichtlich Ansichtssache ist. Durch einen Seiteneingang geht es in das große Gebäude, dann durch den Innenhof, wo die Päpste im Sommer oftmals die Sonntagsmesse zelebrierten - vom Balkon aus, für wenige Hundert Gläubige, im familiären Rahmen. Im ersten Stock hat der Vatikan nun eine Galerie mit Gemälden der früheren 51 Päpste eingerichtet. Der Reigen beginnt mit dem Italiener Julius II., bürgerlich Giuliano della Rovere, der dafür bekannt wurde, dass er die Schweizergarde gründete. Manche Päpste posierten in der Galerie als Denker, andere mit fürstlichem Gehabe, wieder andere als schüchterne Hirten. Es ist ein didaktischer Rundgang: Über das Audiogerät erfahren die Besucher von den Verdiensten der Herrschaften, von ihren Unterlassungen, von ihrer Beliebtheit.

Ein Schweizergardist wacht über das Eingangstor.

(Foto: Vincenzo Pinto/AFP)

Je weiter man in die Gegenwart vordringt, desto länger und wohlwollender werden die Kommentare. Das Ölgemälde von Franziskus schließt die Galerie und überragt alle anderen. Gar nicht so frugal. Der Zutritt zu den privaten Gemächern der Päpste, zum Schlafzimmer und der Kapelle im zweiten Stock, wird einem zwar verwehrt - auf die große Terrasse aber darf man. Und die bietet den eigentlichen, gänzlich weltlichen Moment der Verzückung: diese unverstellte Aussicht auf den vulkanischen See und auf Rom, das flach da unten liegt. Die sieben Hügel muten wie eine haltlose Behauptung an. Aus der Ferne erkennt man nur die Kuppel von Sankt Peter, "er cupolone", wie die Römer sie im Dialekt nennen. Als einziger Bezugspunkt dient also "Vaticano Uno", und so soll es wohl auch sein. Die Aussicht ist das schönste Geheimnis des päpstlichen Sommerhauses, höchster Neidfaktor.

Urban VIII., Papst von 1625 bis 1644, war es, der die Tradition des "suburbanen Rückzugs" begründet hatte. Der Florentiner gefiel sich in der Rolle des tüchtigen Bauherrn, was den römischen Monumenten nicht immer gut bekam. In seine Zeit fiel aber auch die Fertigstellung des Petersdoms und, eben, die vatikanische Ausbreitung in Castel Gandolfo. Hier ruhte er sich aus. Die vorstädtischen Besitztümer wuchsen mit der Zeit auf mehr als 55 Hektar an, umfassten bald Villen und Gärten am unteren Ende des Corso della Repubblica, Ruinen aus der Zeit von Kaiser Domitian. Auch diese Gärten kann man heute besuchen.

Der Vatikan bietet Touristen und Pilgern nun für vierzig Euro das Paket "Full Day" an, in dem fast alles drin ist: die Vatikanischen Museen mit der Sixtinischen Kapelle, die Vatikanischen Gärten, die päpstlichen Gärten von Castel Gandolfo. Geht alles an einem Tag, mit Onlinetickets und ohne Schlangenstehen. Von der Stazione San Pietro, dem Bahnhof des Vatikans, kommt man neuerdings direkt nach Albano Laziale und von dort mit Bussen nach Castel Gandolfo. Der Sonderzug fährt vorläufig jedoch nur am Samstag. Der Eintritt in die Sommerresidenz kostet noch einmal zehn Euro extra. Ein satter Preis. Doch wenn man dann mal auf der päpstlichen Terrasse steht, sanft umweht vom Ponentino, einer Meeresbrise, fühlt man sich sofort entschädigt, ein bisschen entrückt sogar.

© SZ vom 15.09.2015
Zur SZ-Startseite