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Hessen:Wo einst Elvis schlief, dürfen heute keine Bagger rollen

Presley

In Friedberg war einst Elvis Presley stationiert - eine Holzbaracke, in der er fünf Nächte verbrachte, steht ebenfalls unter Denkmalschutz.

(Foto: AP)

Der Bürgermeister im hessischen Friedberg hat Ärger. Eigentlich will er einen neuen Stadtteil bauen, wäre da nicht eine denkmalgeschützte Wellblech-Bude der US-Armee.

Dirk Antkowiak ist ein zufriedener Mensch. Seit einem halben Jahr ist der Christdemokrat Bürgermeister im hessischen Friedberg. Gleichwohl ist seine Freude nicht ungetrübt. Antkowiak muss ein Mega-Projekt managen - den Umbau des einstigen US-Armeegeländes Ray Barracks in einen neuen Stadtteil mit Wohnungen, Studentencampus und Gewerbeflächen.

Über die Konversion wird seit Langem nachgedacht, das Unterfangen ist komplex und kostspielig. Der Bürgermeister macht sich keine Illusionen über die Herausforderung. Doch dass ausgerechnet eine alte Wellblechbude der US-Army die anspruchsvollen Pläne durcheinanderbringen könnte, hätte selbst er nicht gedacht.

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Antkowiak, Jahrgang 1966, gebürtiger Berliner und seit 40 Jahren Friedberger, streckt am Zaun zum einstigen Militärgelände den Zeigefinger aus und sagt: "Da steht sie." Sie, das ist eine Nissen-Hütte, ein halbrunder Behelfsbau, einst außerordentlich geschätzt bei Armeen aus aller Welt, erfunden 1916 von dem kanadischen Offizier Peter Norman Nissen. Das Ding war preiswert, konnte in Fertigbauweise produziert, von einer Handvoll Soldaten binnen einiger Stunden aufgebaut und zu allen erdenklichen Zwecken genutzt werden, vom Aufenthaltsraum bis zur Gefängniszelle.

Auf dem 74 Hektar großen Gelände hätten in der Zeit des Kalten Krieges etliche Nissen-Hütten gestanden, die die US-Soldaten vor ihrem Abzug 2007 noch selbst abgerissen hätten, erzählt der Bürgermeister. Ihm wäre es sicher recht gewesen, wenn auch das Exemplar am Zaun entfernt worden wäre. Denn nun steht die Hütte unter Denkmalschutz und macht Antkowiak das Leben schwer.

Auf diesem Terrain soll ein neuer Uni-Campus entstehen, der Nissen-Bau befindet sich genau an der geplanten Zufahrt über die alten Be- und Entwässerungsleitungen, die dringend erneuert werden müssen. Wie, bitte schön, soll das funktionieren? Und was ist mit den Rettungswegen? "Da kommt doch kein Feuerwehrauto durch", seufzt Antkowiak. Was in Zukunft mit der Hütte an diesem Ort anzufangen sei, weiß auch kein Mensch. Nicht nur er, sondern der gesamte Magistrat wundere sich, warum ausgerechnet dieses Bauwerk plötzlich ein Denkmal sein soll.

Antkowiak ist kein notorischer Nörgler. Mit Auflagen der Behörden für andere Gebäude auf dem Gelände kann er, wie er sagt, gut leben. Auch mit dem für Ortsfremde möglicherweise befremdlichen Denkmalschutz für die Holzbaracke 3707, in der Elvis Presley als GI in den Ray Barracks im Herbst 1958 gerade einmal fünf Nächte schlief. Anschließend siedelte der damals schon weltberühmte US-Sänger dank Sondergenehmigung mitsamt Familie und Leibwächtern in ein Hotel ins nahe Bad Nauheim um.

In Friedberg wird Elvis Presley noch immer verehrt. Es gibt einen engagierten Fan-Club und einen nach ihm benannten Platz in der Innenstadt mitsamt kleinem Denkmal. Wahrscheinlich ist man als Bürgermeister gut beraten, wenn man das Andenken an den Gast gebührend hegt und am Presley-Denkmalschutz nicht herummeckert. Aber soll man wegen einer Nissen-Hütte ein Großprojekt gefährden?

Antkowiak sagt, er wolle alsbald mit den hessischen Denkmalschützern reden, Das ist vernünftig. Die Experten verstehen ihr Handwerk und sind oft kooperationsbereit. Der Bürgermeister wäre schon zufrieden, wenn die Hütte auf dem Gelände umgesetzt oder auf einem Platz im Freiluftmuseum wieder aufgebaut werden könnte. Rund 20 Kilometer von Friedberg entfernt liegt der Hessen-Park, wo man Artefakte aus 400 Jahren Landesgeschichte besichtigen kann. Und die US-Army gehört nun zweifelsfrei zur jungen hessischen Historie.

Die Behörde argumentiert, der Bau habe "einen merkwürdig gestuften Querschnitt"

Viel Hoffnung machen die Denkmalschützer dem Bürgermeister bislang aber nicht. Das Landesamt argumentiert, dass die Nissen-Hütte in Friedberg "einen merkwürdig gestuften Querschnitt" aufweise und eine der letzten Baulichkeiten sei, die von der Anwesenheit der Amerikaner zeugten. Grundsätzliches Verständnis für die Sorgen Antkowiaks haben die Experten schon. "Natürlich ist es immer ein Problem, einen Behelfsbau zu erhalten", heißt es in einer Stellungnahme. Die Hütte müsse nicht nur saniert und gedämmt werden. Man müsse auch einen sinnvollen Zweck für sie finden. Genau das, würde der Bürgermeister sagen, ist das Problem.

Ob die Hütte erhalten werden kann und muss, obliegt der Entscheidung der Denkmalschützer im Wetterau-Kreis. Mit denen müsse man gegebenenfalls auch über einen Umzugswunsch reden. Translozierung heißt das im Fachjargon. Die Lust der Denkmalschützer an solchen Umzügen ist sehr begrenzt. "Grundsätzliches Ziel muss die Erhaltung vor Ort sein", stellt das Landesamt in Wiesbaden klar.

Antkowiak muss noch viel Überzeugungsarbeit leisten bei der Umgestaltung des Militärgeländes. Und vielleicht gibt es auch größere Probleme als die Nissen-Hütte. Noch steht nicht fest, zu welchem Preis die Bundesrepublik das Terrain an Friedberg abgeben würde. Ärger mit Investoren, ohne die die Stadt den Umbau nicht stemmen kann, gibt es bei solchen Großprojekten immer. Und dann ist da noch das archäologische Gutachten, das vor jedweder Baumaßnahme vorliegen muss. In Friedberg waren einst die Römer und die Kelten. Sollte man auf dem Areal auf deren Hinterlassenschaften stoßen, werde es Verzögerungen geben, prophezeit Antkowiak. "Niemand kann sagen, wann der neue Stadtteil steht".

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