bedeckt München 27°

Gothic-Gottesdienst in evangelischer Kirche:"Es wird eine Nebelshow geben"

Leipziger Wave-Gotik-Treffen feiert 20. Jubiläum

Viele Menschen haben Vorurteile gegenüber Anhängern der Gothic-Szene. Mit einem Gothic-Gottesdienst will Pastor Brand das am Freitag ändern (Symbolbild).

(Foto: dpa)

Gruftambiente in der evangelischen Kirche: An diesem Freitag veranstaltet ein Schulpastor bei Osnabrück einen Gothic-Gottesdienst. Im Gespräch mit Süddeutsche.de erklärt er, was die Szene mit der Kirche vereint und wie man eine angemessene Gothic-Atmosphäre schafft.

Uwe Brand ist Schulpastor an der Berufsbildenden Schule (BBS) in Bersenbrück. Seit zwanzig Jahren hat er außerdem einen Predigtauftrag in der Dorotheen-Gemeinde in Nortrup-Loxten bei Osnabrück. Brand ist offen für Gruppen, die auf anderen Wegen Antworten auf religiöse Fragen finden - Gothics zählen seiner Meinung nach dazu.

SZ.de: Herr Brand, wie kamen Sie auf die Idee, einen Gothic-Gottesdienst zu veranstalten?

Uwe Brand: Ich bin Berufsschulpastor an der BBS Bersenbrück, die Gothic-Szene war vor einem halben Jahr Thema in meinem Religionsunterricht. Einer meiner Schüler wollte dann unbedingt ein Referat über die Szene halten, das hat mich natürlich gefreut. Anschließend hat er gefragt, ob ich mit ihm einen Gottesdienst zum Thema organisieren würde. Ich fand das Thema so spannend, dass wir uns sofort mit zwei weiteren Schülern und meinem Team zusammengesetzt und Ideen gesammelt haben.

Wie haben Ihre Schüler auf die Idee reagiert?

Wir haben in der Schule schon frühzeitig Plakate aufgehängt und größtenteils positive Reaktionen erhalten. Aber natürlich haben auch manche gefragt, was wir mit der Gothic-Szene in der Kirche wollen.

Das werden sich vielleicht auch einige Kirchgänger aus der Gemeinde fragen. Wie passt das für Sie zusammen - Gothic und Kirche?

Es geht in der Szene um typisch religiöse Fragen: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wer bin ich? Genau wie die Kirche hat sich auch die Gothic-Szene Antworten zurechtgelegt. Und diese sind nicht weit von unseren entfernt. Ich finde, die Szene hat eine Berechtigung, ernst genommen zu werden.

Obwohl es in der Szene auch Phänomene wie Satanismus und Exorzismus gibt?

Damit hat die eigentliche Gothic-Szene meiner Meinung nach nichts zu tun. Für Satanisten hätte ich natürlich keinen Gottesdienst organisiert, die werden am Freitag auch sicher nicht auftauchen. Ich weiß natürlich, dass es unter den Gothics einige Grenzgänger gibt. Meine ursprünglichen Ansichten über die Szene habe ich mittlerweile aber komplett revidiert, sie ist mir sympathisch geworden. Als ich in den Achtzigern mit der New-Wave Bewegung und den Grufties aufgewachsen bin, fand ich das alles noch sehr komisch. Heute finde ich die Szene sehr interessant.

Wahrscheinlich gehen die wenigsten Gothics in einen traditionellen Gottesdienst. Muss die Kirche an ihrer Gastfreundlichkeit arbeiten?

Die Kirche hat über Jahrhunderte Formen entwickelt, an die sich mittlerweile alle gewöhnt haben. Das führt natürlich dazu, dass die Menschen, die sich davon nicht angesprochen fühlen, nicht zum Gottesdienst kommen. Wenn es aber auch mal neue Angebote gibt, wie zum Beispiel den Gothic-Gottesdienst, fühlen sich auch andere Gruppen angesprochen. Das ist ungewöhnlich für die traditionellen Gemeindemitglieder, aber eigentlich ist es harmlos.

Finden Sie, dass die Kirche in Deutschland generell öfter neue Formen ausprobieren sollte?

Ja, das geschieht noch zu wenig. Ich selbst biete seit vielen Jahren alternative Gottesdienste an. Wir hatten bisher schon Heavy-Metal-, Rock- und Märchen-Gottesdienste. Und vor einem Jahr haben wir auch einen Gottesdienst gegen den Weltuntergang gemacht.

Was erhoffen Sie sich von dem Gothic-Gottesdienst?

Signalwirkung. Ich möchte den Leuten der Randgruppen damit sagen: Kommt her! Dadurch nehmen die Menschen die evangelische Kirche vielleicht nicht mehr als so verschlossen wahr. Es ist ein Experiment. Aus dem Gothic-Gottesdienst könnte aber auch eine Institution werden, mit regelmäßigen Veranstaltungen.

Wie wird das "Gruftambiente", wie sie es nennen, aussehen?

Es wird eine Nebelshow geben und die Kirche wird innen wie für die Szene üblich illuminiert. Grableuchten werden den Weg zum Altar weisen. Wir ziehen zu Orgelmusik ein, spielen natürlich Gothic-Musik und zünden Kerzen an. Es wird auch Fürbitten, eine Segnung und eine Predigt von mir geben. Im Anschluss an den Gottesdienst treffen wir uns noch zu Gesprächen im Gemeindehaus.

Und Sie glauben, das funktioniert?

Natürlich. Ich habe lange an meiner Predigt gesessen, weil ich Grenzgänger, Leute aus der Szene und auch andere Gäste erreichen will. Aber jetzt habe ich ein gutes Gefühl. Wenn die Kirche zu voll wird, werden wir einen zweiten Gothic-Gottesdienst veranstalten.