Geschichte eines Films Großes Kino, zu große Träume

Fakhri Hamad vor dem neuen Einkaufszentrum. Dort stand früher das "Cinema Jenin", das von Deutschen aufgebaute Kulturzentrum.

(Foto: Alexandra Föderl-Schmid)

Vor genau zehn Jahren kam der Film "Das Herz von Jenin" über das Leiden und die Großzügigkeit eines palästinensischen Vaters in die Kinos. Dies ist die Geschichte danach.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Jenin

"Ich würde es wieder tun. Es fühlt sich an, wie wenn es gerade jetzt gewesen wäre. Es ist eine Wunde, die sich nicht schließt." Ismail Khatib hat keinen Zweifel daran, dass seine Entscheidung von damals auch heute noch richtig ist. Sein elfjähriger Sohn Ahmed wurde 2005 von israelischen Soldaten erschossen. Wegen einer täuschend ähnlich aussehenden Spielzeugpistole wurde der Palästinenser für einen Attentäter gehalten. Als die Ärzte den Hirntod des Kindes feststellten, beschlossen seine Eltern, die Organe freizugegeben. "Ahmed lag in einer Klinik in Haifa, also in Israel. Mir war klar, dass die Organe an Israelis gehen. Aber mir war vor allem wichtig, dass Kindern ein Weiterleben ermöglicht wurde", sagt Khatib.

Über diese schier unvorstellbare Entscheidung des Palästinensers hat der Tübinger Filmemacher Marcus Vetter gemeinsam mit dem Israeli Leon Geller den später preisgekrönten Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" gedreht, der exakt vor zehn Jahren am 13. August 2008 herauskam. Aber es blieb nicht bei dem Film, Vetter machte in einer unglaublichen Kraftanstrengung aus einem 1987 geschlossenen Lichtspieltheater im Zentrum der 50 000-Einwohner-Stadt das "Cinema Jenin". So hieß auch später sein Dokumentarfilm über das Projekt.

Aus dem Nichts entstand mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes, der evangelischen Kirche und vieler Freiwilliger aus einer Ruine ein mit moderner Digitaltechnik ausgerüstetes Lichtspielhaus mit 335 Sitzen, einer Solaranlage auf dem Dach, einem Freiluftkino und einem Gästehaus in einem arabischen Palais nebenan.

Die Eröffnung des Kinos fand am 7. August 2010 statt. Doch schon bald stieß das Vorzeigeprojekt an seine Grenzen, es gab Geld- und Akzeptanzprobleme. Die mietfreie Zeit lief aus, die Besitzer verkauften das Grundstück für eine hohe Summe. Im Dezember 2016 rückten die Bagger an. Das Kultur- und Friedensprojekt wurde abgerissen, heute steht ein achtstöckiges, wuchtiges Einkaufszentrum auf dem Platz, das noch nicht ganz fertiggestellt ist.

Fakhri Hamad ist seit sieben Jahren nicht mehr hier gewesen. "Es war mein Herzensprojekt: das modernste Kino im ganzen Nahen Osten", sagt der ehemalige Manager des Kinos. Er klettert über einen drei Meter hohen Haufen mit Bauschutt, um zur Rückseite des Gebäudes zu kommen. "Ah, das Vorführhäuschen gibt es noch", ruft der 47-Jährige erstaunt aus und zeigt in den mit Müll bedeckten Garten, wo früher das Freiluftkino war. Noch größer ist seine Verwunderung im Inneren des Gästehauses, das um die Ecke liegt. Es ist, als ob die Zeit stehen geblieben wäre: Das Plakat, das auf die Eröffnungsfeier hinweist, hängt noch genauso an der Wand wie Fotos der damaligen Helfer. Auch Programmhefte von 2010 liegen noch in den Regalen. Im ersten Stock sieht es jedoch anders aus. Die Betten fehlen, die Klimaanlagen sind herausgerissen, auf der Veranda haben sich die Tauben eingenistet. Vom Dach des Gästehauses hat man einen guten Blick auf das jetzige Einkaufszentrum.

Durchaus kritisch analysiert Hamad, warum das Projekt eines Kulturzentrums nicht funktioniert hat: Weil nicht die Unterstützung der richtigen Leute da gewesen sei. Es habe zwar an Geld gefehlt, gleichzeitig seien aber teure Fliesen angeschafft worden. "Da sind sie noch!", ruft Hamad aus, als er sie in einem Bad erblickt. "Das Projekt ist immer größer geworden. Vielleicht waren unsere Träume zu groß?"

Marcus Vetter gibt zu, er habe etwa die Ablehnung der "Normalisierung" unterschätzt - "dass es Palästinenser gibt, die meinen, bevor die israelische Besatzung nicht beendet ist, können wir solche Projekte nicht akzeptieren". Leider habe er keine Partner gefunden, um das Projekt erfolgreich weiterzuführen in einer Mischung aus Programmkino und kommerziellem Betrieb. Er sei schließlich Filmemacher und habe das Projekt nur aufbauen wollen.

Ob er jemals zurückgekommen sei? "Ich kann nicht zurück. Ich habe die Bilder der Zerstörung kurz gesehen. Ich kann aber damit abschließen. Ich bedaure nichts, gar nichts, überhaupt nichts." Es seien viele Freundschaften aus dem Projekt entstanden und nach dem "Herz von Jenin" und "Cinema Jenin" noch ein dritter Film: "Nach der Stille", der die "andere Seite" erzählt, die Geschichte der Israelin Yael Armanet-Chernobroda, die durch einen palästinensischen Attentäter ihren Mann verloren hat.

"Einige aus der damaligen Zeit haben mich bei weiteren Filmprojekten begleitet."

Fakhri ist nach sieben Jahren in Deutschland der Familie wegen im Frühjahr wieder zurückgekehrt nach Jenin. Ismail Khatib, für den er während der Filmprojekte übersetzt hat, hat er zuletzt bei einem gemeinsamen Deutschlandbesuch 2011 getroffen. Khatibs Sozialprojekt zur Beschäftigung Jugendlicher, das er nach der Veröffentlichung seiner Geschichte mit Spendengeldern aufgebaut hat, ist seit vier Jahren geschlossen, er arbeitet wieder als Mechaniker. Mit der inzwischen 21-jährigen Drusin Samah, die das Herz seines Sohnes erhalten hat, ist er noch immer in Kontakt, sie haben sich zuletzt im Juni getroffen. Das Fazit des 52-jährigen Khatib, in dessen Gesicht die Jahre tiefe Falten hinterlassen haben, fällt deprimierend aus: "Nichts hat sich geändert. Was meinem Sohn geschehen ist, kann wieder geschehen, man braucht sich nur die Lage in Gaza anzuschauen."

Doch Fakhri Hamad hätte schon ein neues Projekt: ein Sportzentrum außerhalb der Stadt, damit junge Palästinenser für Olympia trainieren können. "Das kann nicht so leicht wie ein Kino zerstört werden."