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Gericht:Keine Kontrolle

Ein Apotheker in Bottrop soll Medikamente gepanscht haben. Im Prozess gegen ihn tritt nun der "Whistleblower" auf.

Von Christian Wernicke, Bochum

Er sagt noch immer "wir", wenn er von der Alten Apotheke in Bottrop spricht und von Peter S., seinem Chef. Martin Porwoll, der Zeuge der Anklage, war seit Sommer 2014 der Manager der Apotheke mit 90 Mitarbeitern, und zusammen mit Peter S., den er seit Kindesbeinen von der Schule kannte, tüftelte er ständig an Geschäftsstrategien: "Wir wollten immer ganz vorn sein." Doch mit der Zeit wucherte der Zweifel wie ein Geschwür: Die Assistenten aus dem Labor, wo die Anti-Krebs-Medikamente (Zytostatika) angemischt wurden, tuschelten von Unregelmäßigkeiten. Es dauerte fast ein Jahr, bis die Angestellten einander vertrauten, "um über den Bereich zu sprechen, über den man eigentlich nicht sprechen kann". Über millionenschweren Betrug an den Krankenkassen, über den Verrat an siechenden Patienten. Darüber, dass der Apotheker aus Geldgier wohl Infusionen panschte und so den Tod von Menschen in Kauf nahm.

Martin P., der "Whistleblower" von Bottrop, ist verantwortlich dafür, dass Peter S. am Donnerstag im Landgericht Essen auf der Anklagebank sitzt. Die zwei Männer Mitte vierzig wirken äußerlich wie Brüder: runde Köpfe, schütterer Haarkranz um die Glatze, leicht untersetzt, beide tragen gern Rollis unterm dunklen Anzug. Nur, während der Angeklagte auch am 15. Verhandlungstag um mutmaßlich 62 000 betrügerisch unterdosierte Therapien schweigt, redet der Mann im Zeugenstand. Und er erinnert sich, wie ihn im Dezember 2015, als sein Vater an Krebs erkrankte, Kollegen warnten, keine Medikamente aus der eigenen Firma zu nehmen: "Da wurde mir gesagt, dass das nicht so gut wäre."

16 000 Milligramm eingekauft, 52 000 Milligramm abgerechnet - da kann doch was nicht stimmen

Porwoll begann zu recherchieren. Der Major Domus der Apotheke hatte Einblick in alle Bestellungen von Pharmafirmen und Großhändlern. Und im Computer konnte er ebenso die bei den Krankenkassen abgerechneten Therapien samt Mengenangaben der Wirkstoffe überprüfen. Von Februar 2016 an begann er, Input und Output gegenüberzustellen - und entdeckte "nicht erklärbare Diskrepanzen". Vom damals neuen Krebsmedikament Opdivo hatte die Alte Apotheke 16 000 Milligramm eingekauft - aber 52 000 Milligramm abgerechnet. Eine zweite Prüfrechnung eines anderen Wirkstoffs ergab: 9000 Milligramm bestellt, 20 000 angeblich verarbeitet. Bei weiteren Tests war das Ergebnis ähnlich erschreckend. Porwoll ging zur Polizei, erstattete Anzeige - und Ende November 2016 wurde Peter S. verhaftet.

Eine wirksame Kontrolle der Apotheke, so berichtet Porwoll, habe es nie gegeben. Einmal in den zwei Jahren seiner Tätigkeit habe sich die Amtsapothekerin zur Betriebsüberprüfung angekündigt: "Da hat man eine gewisse Zeit, sich darauf vorzubereiten."

Porwoll bestätigt am Donnerstag auch noch die Enthüllungen des Online-Portals "correctiv": dass in einem als "privat" gekennzeichneten Kellerraum massenhaft Krebsmedikamente mit längst abgelaufenem Verfallsdatum lagerten. Der Keller soll der Mutter des Angeklagten gehört haben. Seit ihr Sohn in Untersuchungshaft sitzt, leitet sie wieder selbst die Geschäfte.

© SZ vom 19.01.2018
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