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Flucht aus Syrien:Fünftausend Kilometer Angst

Vor dem Fenster ziehen braune, zerklüftete Felsen vorbei. Sadik hat nur ein paar Minuten geschlafen, jetzt schaut er aus dem Fenster. "Schön", sagt er. Edis schläft mit leicht geöffnetem Mund, die Arme verschränkt.

Noch zweieinhalb Stunden bis zur österreichischen Grenze. Erst dort, glauben die Brüder, könnten sie in eine Polizeikontrolle geraten. "Wie lange wird der Zug da stehen? Nur so lange bis alle zugestiegen sind?" Im Fahrplan steht zehn Minuten Aufenthaltszeit. "Reicht das für eine ausführliche Kontrolle?"

"Nächster Halt Trento". Die Ansage kommt auf Italienisch, Englisch und Deutsch. Noch zwei Stunden bis zur Grenze. Die Tür des Abteils öffnet sich und vier Polizisten betreten den Gang, darunter eine Beamtin in deutscher Uniform. Langsam gehen sie durch die Sitzreihen. Sie schauen flüchtig auf die Gesichter der Reisenden, bleiben stehen. "Sprechen Sie italienisch? Englisch? Syrer? Papiere? Gepäck? Mitkommen!" Ein junger Mann mit raspelkurzen Haaren steht auf. Er gehört zu Sadiks Gruppe. Die Polizisten warten geduldig, bis er seine Plastiktüte aus dem Gepäckfach geholt hat. Dann gehen sie mit ihm aus dem Abteil.

Draußen warten schon zwei italienische Beamte

Yassin, der nur ein paar Sitze weiter sitzt, hält sich eine italienische Zeitung vor das Gesicht. Er trägt eine Sonnenbrille. Fast sieht er wie ein Süditaliener aus. Die Polizisten kommen zurück. Sie bleiben vor Yassins Bruder Farid stehen. "Sprechen sie italienisch? Englisch? Papiere? Gepäck? Mitkommen!" Er steht auf. Auf dem Gang schaut Farid zurück. Yassin rührt sich nicht, starrt auf die Wörter, die er nicht versteht. Hinter der Sonnenbrille sammeln sich Tränen. Der Zug hält in Bozen. Yassins Bruder muss aussteigen. Draußen warten schon zwei italienische Beamte.

Die Streife kommt zurück. Sadik schließt die Augen, als wolle er nicht sehen, was nun passiert. Die Polizisten stehen vor Yassin. Die deutsche Polizistin spricht ihn auf Italienisch an. Yassin versteht sie nicht. Sie wechselt ins Englische. "Tut der so, als ob er Zeitung lesen würde - ich habe mich schon gefragt, wann der mal fertig ist", sagt einer der Polizisten mit österreichischem Dialekt.

Yassin nimmt die Sonnenbrille ab und packt seine Sachen. Als der Zug in Brixen hält, steht er draußen auf dem Bahnsteig und schaut durch das Fenster auf Sadik. Doch dessen Augenlider sind immer noch geschlossen. Seine Finger krallen sich an dem kleinen Tisch vor ihm fest. Er keucht: "Oh Gott." Edis rührt sich nicht.

Dann geht alles schnell. Die Polizisten kommen wieder in das Abteil, stellen sich vor Issa und Mahmoud. "Syrer? Papiere? Gepäck? Mitkommen!" Der österreichische Polizist geht zu Edis, rüttelt an seinem Bein. "Schläft der?" Edis nimmt die Sonnenbrille ab. Auf die Frage nach seinen Papieren schüttelt er den Kopf. Sein Pass liegt beim syrischen Militär. Sadiks Augen sind immer noch geschlossen, er rührt sich nicht, als sein Bruder aufsteht. So haben sie es ausgemacht: Wer es durch die Kontrolle schafft, soll einfach weiterfahren. Doch dann zeigt ein italienischer Polizist auf Sadik und fragt "Was ist mit ihm?"

Noch 15 Minuten bis zu österreichischen Grenze.

Auf dem schwankenden Gang zwischen den Waggons stehen Issa, Mahmoud, Edis und sein Bruder Sadik. "Wir verstehen Ihre Situation", sagt die Polizistin auf Englisch. "Aber, das was Sie vorhaben, ist illegal - wir machen nur unseren Job." "Bitte", sagt Issa. "Wir machen nur unseren Job" wiederholt die Polizistin immer wieder höflich. Am Brenner steigen die Polizisten mit der Gruppe aus. "In Syrien gibt es nur Ärger und hier auch", ruft Issa. Er schaut zum Himmel.

"Los", sagen die italienischen Polizisten. "Schnell." Issa und Edis greifen nach den Henkeln der Reisetasche.

Ankunft am Brenner - die deutsche Polizistin versucht ihren Job zu erklären.

(Foto: Daniel Hofer)

Da ist der Moment, vor dem Sadik sich gefürchtet hatte, und er ist vollkommen hilflos. Er ist ganz still, seine helle Haut ist fast weiß. Er glaubt, seine Flucht wäre hier zu Ende. Doch es kommt anders.

Eine Woche später sitzt Sadik in seinem Zimmer in einem Asylbewerberheim in Nordrhein-Westfalen. Er kann sein Glück kaum fassen. "Es geht uns so gut. Ich bin so glücklich. Mein Bruder ist glücklich." Er hat gerade mit seiner Mutter gesprochen und hat ihr alles erzählt. Nur nicht die Wahrheit. Die Flucht, die war "wie Urlaub", hat er gesagt. Sadik lacht, laut und hoch.

Die internationale Streife übergibt die Flüchtlinge an die italienischen Kollegen.

(Foto: Daniel Hofer)

Angst, endlich ist Sadik von seiner Angst befreit. Sein Bruder, er, Issa und Mahmoud haben es geschafft. Sie sind in Unna-Massen, einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge östlich von Dortmund, fünftausend Kilometer von Syrien entfernt. Sadik ist davon so überwältigt, dass es ihm schwerfällt, die letzten Tage zu rekonstruieren, den Weg vom Brenner in den Ruhrpott.

Eigentlich hätte die italienische Polizei die Syrer in den nächsten Zug zurück setzen müssen. Doch Sadik und den anderen gelingt es, den nächsten Zug nach Innsbruck zu nehmen. Es klingt fast unglaublich, denn eigentlich haben Italien, Österreich und Deutschland ihre Kontrollen verschärft. Davon zeugen auch die internationalen Streifen, die durch die Züge patrouillieren.

Von Innsbruck aus nehmen sie einen Bummelzug Richtung "Traumland". Deutsche Beamte steigen ein. Wo genau? Sadik weiß es nicht. Die Polizisten kontrollieren die Flüchtlinge. Sie fragen "Deutsche Polizei?" "Ja", Sadik ahmt den Ton der Beamten nach: tief, befehlend. "Sind wir in Deutschland?" "Ja." Die Syrer jubeln, sagen das magische Wort "Asyl". Die Polizisten nehmen die vier Männer mit auf eine Wache. Sie werden durchsucht, müssen sich komplett ausziehen. Trotzdem sagt Sadik: "Die waren sehr nett."

"Wir kommen endlich zur Ruhe"

Die Beamten nehmen auch die Fingerabdrücke. Nach Italien schicken sie die Gruppe jedoch nicht zurück. Möglich, dass ihre Daten nicht in der europäischen Datenbank Eurodac gespeichert wurden, ihre Spuren also verwischt sind. Die Polizisten behalten die Pässe ein, um sie an die Ausländerbehörde zu schicken. Die Flüchtlinge bekommen Ersatzdokumente. Normalerweise müssen sie sich bei der nächsten Erstaufnahmestelle melden, doch die Syrer fahren weiter nach Düsseldorf und dann Dortmund.

Hier fühlen sie sich wohl. Sadik sagt, die Leute sind so freundlich. "Es gibt Tee, ich kann essen". Als Erstes aber duscht sich Sadik. "Oh Gott, das hat sich so gut angefühlt." Er schrubbt sich den Dreck von Mailand, den Angstschweiß von der Zugreise herunter. "Eine Woche lang habe ich nicht mehr geduscht." Das wird ihm erst jetzt klar.

Sadik und Edis haben ein gemeinsames Zimmer mit Issa. Sadik schläft viel, geht jeden Tag auf dem Gelände spazieren, meist mit einer Zigarette im Mund. "Wir kommen endlich zur Ruhe".

Am nächsten Tag klingelt Sadiks Handy. Seine Mutter ist am Telefon. Sie sagt ihm, die Polizei habe ihren Bruder und ihren Vater abgeholt. Die Polizei wolle wissen, wo Sadik und Edis sind. Sie sitzen in Unna-Massen und sie haben Angst.

“Der Zaun”

Wie fühlt sich die "Festung Europa" von außen an? Wie leben Flüchtlinge vor den Grenzen? Welche Wege nehmen sie, wie reagieren Grenzpolizisten und Beamten darauf? Zwei Journalisten wollten wissen, was sich entlang der europäischen Außengrenzen abspielt. Bulgarien, Griechenland, Türkei, Italien, Tunesien und Marokko: Drei Monate lang haben sie nichts anderes gemacht, als mit den Menschen zu reden und ihre Geschichten zu notieren, zu fotografieren und zu filmen. Was sie dabei erlebten und herausfanden, erzählen sie in der Multimedia-Story "Der Zaun".

Weiter Geschichten und Informationen auf einer Themenseite zu Europas Flüchtlingsdrama bei Süddeutsche.de.