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Entführungsfall Chloé:"Ich hatte Angst zu sterben"

Die 15-jährige Chloé hat sich erstmals öffentlich zu den Umständen ihrer Entführung geäußert. Fragen nach einer sexuellen Belästigung beantwortete sie in dem Interview im französischen Fernsehen ausweichend.

Wenige Tage nach der Befreiung aus den Händen ihres Entführers hat die 15-jährige Chloé aus Südfrankreich erstmals öffentlich über ihre Gefangenschaft gesprochen. Sie habe unter "Todesangst" gelitten, sagte Chloé in der Sendung 66 Minutes des französischen Fernsehsenders M6.

Das Mädchen hatte Tage im Kofferraum eines Autos verbringen müssen, während ihr Entführer mit ihr durch Europa fuhr, unter anderem auch nach Deutschland.

Ausweichend antwortete Chloé in dem Fernsehinterview auf die Frage, ob ihr Entführer sie sexuell belästigt habe. "Er wollte mir nicht direkt Böses antun", sagte sie. "Das bedeutet nicht, dass mir nicht auch andere Dinge widerfahren sind, aber das ist alles, was ich sagen kann." Die Staatsanwaltschaft in Nîmes hat Ermittlungen zu den Aspekten Entführung, Geiselnahme und Vergewaltigung eingeleitet.

Ursprünglich war das Interview in ihrem Elternhaus in Barjac mit ihrer Mutter und ihrem Vater geplant gewesen, hieß es. Die Tochter kam hinzu und war bereit, Fragen zu beantworten. Ihre Schilderung: Sie habe ihren Motorroller neben der Garage geparkt, und da sei ein Mann in den Hof gekommen. "Ich wollte davonlaufen und bin gefallen, da hat er mich zum Auto gebracht."

Die meiste Zeit ihrer einwöchigen Gefangenschaft war Chloé im dunklen Kofferraum eingeschlossen. "Ich war mutlos. Ich habe mir gedacht, dass ich nie wieder nach Hause kommen werde. 24 Stunden lang war es ganz fürchterlich, ich war vernichtet", erzählte sie über die quälenden Stunden in völliger Dunkelheit, in denen sie nicht wusste, wohin die Fahrt ging.

"Wenn man aus seiner Familie und seinem Leben entführt wird, dann kann man nichts anderes als Angst haben. Ja, ich hatte Angst. Ich hatte Angst zu sterben." Zwei Tage nach der Entführung hörte sie von dem Aufruf ihrer Mutter im Radio. "Das hat mich echt aufgerichtet, ich habe mir gesagt: Jetzt kann ich nicht aufgeben."

Entführer machte Chloé Hoffnung

Hoffnung schöpfte Chloé auch, weil ihr Entführer sagte, sie werde vor Weihnachten wieder bei ihrer Familie sein. "Daran habe ich mich festgehalten." Fliehen wollte sie nicht. "Ich habe daran gedacht, aber was hätte ich in der Nacht im Wald gemacht? Ich hätte mich verirrt, oder er hätte mich am nächsten Morgen gefunden, das wäre mein Ende gewesen."

In dem TV-Beitrag wurde ihr Gesicht unkenntlich gemacht. Sie wolle nicht erkannt werden, weil sie in ihr normales Leben zurückkehren wolle, sagte sie zur Begründung. Während des Gesprächs zwischen Mutter und Vater auf dem Sofa wirkte sie gefasst und ruhig. Auf den Fernsehbildern waren auch Massen von Blumensträußen überall im Haus zu sehen. Chloé hat Briefe voller Anteilnahme und Geschenke aus allen Teilen Frankreichs erhalten.

Der Fall hatte in Deutschland und Frankreich großes Aufsehen erregt. Chloé war am 9. November vor ihrem Elternhaus entführt worden. Der Mann fuhr mit ihr in dieser Zeit quer durch Frankreich, nach Italien und mindestens zweimal nach Deutschland.

Chloé musste den Ermittlungen zufolge die meiste Zeit im Kofferraum liegen. Übernachtet wurde im Auto, abgestellt in Wäldern und auf Feldwegen. Nur mit Glück entdeckten deutsche Polizisten das Kind im Auto. In Oppenau bei Offenburg (Baden-Württemberg) wurde der 32-Jährige gefasst. Er sitzt in Untersuchungshaft und soll in den kommenden Tagen nach Frankreich gebracht werden.

© dpa/mkoh/sana/bavo
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