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Ein Anruf bei: Michael Spreng:"Eine Anmaßung"

"Damit kann man nur beim ZDF punkten": Michael Spreng, einst politischer Berater von Edmund Stoiber, sieht die Sendung "Ich kann Kanzler" eher skeptisch.

Nichts geht mehr ohne Casting-Show. Sänger, Models, Schauspieler - wer Karriere macht, entscheidet der Zuschauer. Das ZDF fahndet nun sogar nach talentierten Politikern. 2500 Kandidaten haben sich für die Endrunde der Show "Ich kann Kanzler" am 19. Juni beworben, sechs Möchtegern-Merkels und Stand-up-Steinmeiers treten an. In der Jury sitzen Günther Jauch, Anke Engelke und Henning Scherf.

Sehr ambitionierten Titel: Das ZDF sucht Nachwuchspolittalente mit Potential für höchste Aufgabe.

(Foto: screenshot.: sueddeutsche.de)

SZ: Herr Spreng, muss man als Kanzlerin oder Kanzler draufhaben?

Spreng: Sachkompetenz, emotionale Kompetenz, Medienkompetenz und, sehr wichtig, Verständnis für das Irrationale der Parteipolitik.

SZ: Jungpolitiker, die was werden wollen, müssen die Ochsentour durch eine Partei machen. Show-Kandidaten gelangen im Schnelldurchlauf an die Spitze.

Spreng: Damit kann man wirklich nur beim ZDF punkten, nicht in der Wirklichkeit. Kanzler wird man in Deutschland nicht nur, weil man gut reden kann; man muss die Spiele der Macht verstehen. Um die Mechanismen der Politik zu durchschauen, braucht es eine gewisse Lebenserfahrung. Aber ich will die Teilnehmer jetzt nicht entmutigen, die Sendung hat ja auch einen sehr ambitionierten Titel.

SZ: Ganz schön gewagt, oder?

Spreng: Wenn die Sendung hieße "Ich kann Politiker", könnte ich mir vorstellen, dass wirkliche Talente zum Vorschein kommen. "Ich kann Kanzler" ist jedoch eine Anmaßung, das können die jungen Leute ganz sicher nicht einlösen.

SZ: Andererseits gewinnt man im Wahljahr schnell den Eindruck, dass nur noch die Auftritte bei Kerner, Maischberger, Beckmann und Anne Will zählen.

Spreng: Man sollte die Politiker nicht auf ihre Talkshow-Qualitäten reduzieren. Sicher, sie müssen mit den Medien umgehen können, mit den elektronischen wie mit den Printmedien. Eine politische Führungskraft muss sich in die Perspektive der Medien versetzen können: Was erwarten die von mir?

SZ: Was brauchen die Kandidaten, um die Erwartungen zu erfüllen?

Spreng: Klare politische Slogans, griffige Formulierungen. Und in der Wiederholung liegt die Würze. Es gilt der alte Satz, dass eine Botschaft beim Wähler erst angekommen ist, wenn sie den Medien zum Hals raushängt. Was deutschen Politikern fehlt, ist die emotionale Kompetenz, die etwa Barack Obama glänzend vermittelt. Er kann Politik bildhaft und durch Gleichnisse erklären. Wenn er über Gesundheitspolitik spricht, tut er das am Beispiel seiner todkranken Mutter. Storytelling nennt man das, aber das beherrschen unsere Politiker nicht so gut. Frau Merkels Bild von der schwäbischen Hausfrau, die sie auf einer Parteiveranstaltung als Ideal ausgerufen hat, blieb blutleer; sie hat es nie mit Leben gefüllt. Eine rhetorische Begabung wäre wünschenswert, auch wenn wir wissen, dass sie den Kandidaten der großen Parteien fehlt.

SZ: Es sind also keine hiesigen Vorbilder für die ZDF-Kandidaten in Sicht?

Spreng: Ich befürchte, dass der eine oder andere vielleicht das Floskelhafte unserer Politiker imitiert.

SZ: "Ich kann Kanzler", das sagt Steinmeier in jedes verfügbare Mikrofon.

Spreng: Wahlkampf ist ja auch eine pausenlose Castingshow. Nur dass die Wähler nicht am Telefon abstimmen, sondern am 27. September.

SZ: Der Gewinner der ZDF-Sendung bekommt ein Praktikum im Kanzleramt und ein Monatsgehalt von Frau Merkel.

Spreng: Tatsächlich? Na gut, wenn ihre Administration einen Einblick ins Spiel der Macht gewährt, könnte es spannend werden. Die Frage ist, ob Merkel das will. Obwohl ich mir vorstellen kann: Im Wahljahr ist zumindest ein Fototermin drin.