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Ein Anruf bei...:Jan Löhdefink

Jan Löhdefink, 1974 in Marburg geboren, hat Religion und Geschichte in Münster studiert und dort 2015 auch seine Dissertation eingereicht. Löhdefink ist Gymnasiallehrer.

(Foto: oh)

Ein Teufelsforscher warnt vor dem Comeback des Teufels als Instanz. Dabei hatte die Menschheit doch seit der Aufklärung eher Ruhe vor ihm.

Am Freitag hat Jan Löhdefink für seine Doktorarbeit über Teufelsvorstellungen den Martin-Luther-Preis erhalten. Ein Gespräch über die Bedeutung des Teufels in der Welt und seine Entwicklung.

SZ: Sie haben Teufelsvorstellungen in der Reformationszeit untersucht. Warum?

Jan Löhdefink: Ich habe mich immer gerne mit Flugschriften aus dieser Zeit befasst, die sind kraftvoll, polemisch, die haben Feuer. Und da ist mir aufgefallen, dass sich die Bedeutung des Teufels stark verändert hat.

Inwiefern?

Durch die katholische Kirche. Auch durch die Deutungen Luthers wurde sie für viele vom Bollwerk gegen den Teufel zu seiner Schaltzentrale. Mit dem Teufel ging es dann in der Aufklärung fast komplett zu Ende. Da gibt es ganze Bücher, das hat die Menschen richtig bewegt.

Gegenwärtig sieht man Unruhen überall. Zeit für ein Comeback des Teufels?

Ein wenig ist es so. Politische Gegner werden wieder mehr dämonisiert, vor allem in den USA. Das ist eher polemisch als theologisch gemeint, aber dass der Teufel als Instanz zulegt, das sehe ich schon.

Es gibt da diese Erzählung, Luther sei auf der Wartburg der Teufel erschienen. Sie behaupten jetzt bestimmt: War gar nicht so.

Eine Legende, ja. Luther soll ihn per Tintenfass-Wurf vertrieben haben. Das darf man symbolisch betrachten: Schrift- und Medienkultur halfen, den Glauben an Mythen zu vertreiben. Luther selbst fühlte sich hingegen wirklich vom Teufel angegangen, er war Zentrum seiner Gedanken.

Wie war das bei Ihnen, als Sie die Arbeit geschrieben haben - hat da nachts einfach so mal eine Diele im Flur geknackt?

Nein, ich bin da relativ unempfindlich. Ich muss sagen, dass mir das großen Spaß gemacht hat - auch wenn der landläufige Ruf des Teufels anderes erwarten ließe.

Stecken in der Zeit, die Sie untersucht haben, Parallelen zu unserer Moderne?

Zum Beispiel im Beschleunigungsgefühl. Als der Antichrist im Papst ausgemacht worden war, galt das Ende gewissermaßen als eingeläutet. Im Mittelalter hatte man noch Zeit ohne Ende gehabt, jetzt beschleunigten sich Prozesse in Politik, Universitäten, Finanzhandel. Apokalypse bedeutet immer auch Beschleunigung.

Gibt es eine Lehre, wie am besten mit dieser Beschleunigung umzugehen ist?

Da gibt es wenig, weil die Apokalypse bei den Reformatoren an den Teufel geknüpft war. Ohne Teufel also kein Weltuntergang. Eigentlich ganz beruhigend.

© SZ vom 24.09.2016
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