bedeckt München
vgwortpixel

Drogenhandel im Görlitzer Park:Was Kreuzberg ausmacht

Andreas Teuchert setzt auf den Erfolg kleiner Schritte und auf Aktionen, die angesichts der existierenden Probleme teils rührend-naiv wirken. Der "Trashmob" etwa, bei dem dazu aufgerufen wird, die überall im Park herumliegenden Kronkorken einzusammeln und daraus bunte Mosaike zu basteln. Eine "Barfußwiese" möchte das Projekt umsetzen und eine Komposttoilette, ein kleiner Garten wurde angelegt, in dem ein paar Kräuter und Tomaten wachsen. "Das kann man naiv oder gutmenschlich finden, aber es ist ein Versuch - wie alles im Görli", sagt Teuchert.

In einem kleinen weißen Container lagert das Projekt seine Gartengeräte, er ist mit bunten Symbolen bemalt, die für Toleranz und friedliches Miteinander stehen sollen. Erfreut stellt Teuchert fest, dass der Container bisher nicht attackiert wurde, naja, an eine Seite hat jemand klein "Geht sterben" geschmiert, aber das dürfe man nicht persönlich nehmen, findet Teuchert. Ob Obstbäume, Blumen und weniger Müll schon helfen, den Park wieder zu einem Ort für alle zu machen?

Andere setzen auf radikalere Lösungsideen. Innensenator Frank Henkel (CDU) verspricht einen "hohen polizeilichen Aufwand", der CDU-Bezirksverordnete Timur Husein fordert, den Park zu umzäunen und nachts abzuschließen. Teuchert schüttelt bei dieser Idee den Kopf: "Sollen dann abends die Wiesen von einer Hundertschaft Polizisten leergeräumt werden? Das geht an dem, was Kreuzberg ist und ausmacht, vollkommen vorbei." Tatsächlich ist der Park bei schönem Wetter brechend voll. Es wird gegrillt, Bongo gespielt; türkischstämmige Familien picknicken, auch viele Party-Touristen dösen hier nach Clubnächten in der Sonne. Es gibt viele Plätze auf dem 14 Hektar großen Gelände, an denen keine Drogen verkauft werden.

Die Grünen wünschen sich einen Coffeeshop im Park

Und auch nicht jeder stört sich an den Dealern, im Gegenteil: "Dass die dort stehen, hängt ja auch davon ab, dass es dort eine Nachfrage gibt", sagt der Berliner Polizeisprecher Martin Dams. Ein Aspekt, der bei der hitzigen Diskussion oft vergessen wird: Würden Berliner, Anwohner, Touristen nicht hier ihre Drogen kaufen, würden hier langfristig auch keine mehr angeboten werden.

60 bis 100 Dealer vermutet die Polizei im Park. 59 Einsätze zählten die Beamten dort im ersten Halbjahr 2013, 428 Personen wurden überprüft, 170 Platzverweise ausgesprochen, 79 Menschen wurden verhaftet, 93 angezeigt, 48 verstießen gegen das Aufenthaltsgesetz. Fast immer finden die Polizisten Marihuana, andere härtere Drogen spielen kaum eine Rolle. Meist können die Polizisten den Verkäufern nicht viel nachweisen, die Vorräte werden im Gebüsch gebunkert und nicht am Körper getragen, außerdem gibt es Wachposten, die rechtzeitig vor Polizeikontrollen warnen. Und die Drahtzieher, die Großhändler im Hintergrund, die wird man sowieso nicht im Park erwischen.

Die Grünen würden am liebsten einen Coffeeshop im Park aufmachen, in dem legal Marihuana verkauft wird. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele ist von dem Vorschlag ganz "begeistert", den seine Parteikollegin, Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann, da auf den Tisch gebracht hat. Ströbele ist zum Gespräch in den Park gekommen, wie immer auf dem Fahrrad. Es ist Wahlkampf, da kommen ihm solche öffentlichkeitswirksamen Themen wie legaler Cannabisverkauf natürlich gerade recht.

"Berlin hätte dann eine Attraktion mehr"

Die Chancen, das umzusetzen, also für Berlin eine Ausnahme von den bundesweit geltenden Betäubungsmittelgesetzen zu erreichen, stehen nicht gut, das weiß auch Ströbele. Aber er findet, man könne trotzdem bis vor das Bundesverfassungsgericht gehen, um den Vorschlag zu diskutieren. "Berlin hätte dann eine Attraktion mehr." Dann kommt ein junger Mann auf ihn zu, er spricht, wie manche junge Männer in Kreuzberg gern sprechen: "Isch hab' Sie da auf der einen Demo gesehen, das fand' isch voll gut, dass Sie da waren. Sie sind voll der gute Politiker, wie heißen Sie noch mal?" Ströbele nennt seinen Namen. "Und welche Partei eigentlich?" Grüne, sagt Ströbele, woraufhin der junge Mann ein bisschen enttäuscht sagt: "Ah, schade, isch bin SPD."

Dem Görlitzer Park würde eine Legalisierung von Cannabis wohl auch nicht entscheidend weiterhelfen. "Das löst nicht das Problem der Leute, die hier verkaufen", weiß Ströbele. Um das zumindest ansatzweise zu lösen, müsste man die Asylgesetze ändern. Denn viele der Dealer sind Flüchtlinge, nicht wenige sind illegal in Berlin, haben entweder gar keine Aufenthaltsgenehmigung oder eine für einen anderen Ort. Legal arbeiten dürfen sie nicht, für viele ist der Drogenhandel der einfachste Weg, um an Geld zu kommen.