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Digitales Arbeiten:Nichts ist umsonst

Surfst du noch oder gründest du schon? Die digitale Bohème bei einer Tastatur-Séance im Café Sankt Oberholz in Berlin-Mitte.

(Foto: Gordon Welters/laif)

Das Sankt Oberholz will nicht nur ein Café sein, sondern das Zentrum der Berliner Digitalkultur. Seit Jahren schlürfen sich dort Webdesigner und Programmierer billig durch den Tag. Damit könnte jetzt Schluss sein.

Von Verena Mayer , Berlin

Das Café Sankt Oberholz steht für alles, was man auf der Welt mit Berlin verbindet. Ein Lokal an einer belebten Ecke in Berlin-Mitte, draußen führt die Torstraße mit ihren Galerien, Clubs und Hostels vorbei. Hierher kommen alle, die sich jung und kreativ fühlen und sich gerne dabei zusehen lassen, wie sie über ihren Laptops brüten. Denn das Sankt Oberholz will nicht nur ein Café sein, sondern vor allem ein Co-Working Space. Ein Ort, an dem man arbeiten und sich austauschen kann, ein Zentrum der sogenannten digitalen Bohème.

Was die genau macht, ist nicht immer ganz klar, sicher ist zumindest, was sie nicht so gerne macht: viel Geld ausgeben. Das konnte man im Sankt Oberholz lange Zeit vermeiden, denn hier herrschte Selbstbedienung. Die meisten Leute kamen, stöpselten ihre Rechner ein, und dann durften sie stundenlang an den hohen Tischen sitzen. So wie an diesem Mai-Nachmittag. Touristen skypen lautstark, eine Frau lädt Fotos hoch, im ersten Stock sitzt eine Gruppe zusammen, bei der man nicht sagen kann, ob sie noch am Abhängen ist oder schon ein Start-up entwickelt. Doch seit einigen Tagen kommt nun die Bedienung mit der Speisekarte an den Tisch und nimmt diskret, aber bestimmt Bestellungen auf. Denn der Wirt hatte genug von den Leuten, die sein Café als eine Art Bibliothek ansehen, in der man einfach herumsitzen und das Wlan nutzen kann. Ein Problem, das viele Gastronomen haben, die freies Internet anbieten, und das eher größer werden dürfe. Denn wenn es nach der EU geht, sollen die Bürger demnächst an öffentlichen Orten in ganz Europa über Hotspots ins Internet kommen. Da ist man dann noch weniger auf Cafés angewiesen. Im Sankt Oberholz gilt also nun: Wer hier sein will, muss konsumieren. Ansgar Oberholz, 45, Gründer des Cafés, zählt erst einmal auf, was in seinen Räumen schon alles entstanden ist. Eine Firma, die kaltgebrühten Kaffee verkauft, und eine, die Zutatenboxen zum Kochen liefert. Die Leute, die den Streamingdienst Soundcloud entwickelten, saßen hier zusammen, und auch die Bibel der digitalen Bohème wurde in diesen Räumen geschrieben. "Wir nennen es Arbeit" heißt es.

Obwohl das Lokal immer voll war, stagnierten seit zwei Jahren die Umsätze, sagt Oberholz. Ganz dreiste Gäste hätten im Lokal gepicknickt oder Döner mitgebracht. Wenn er sie darauf ansprach, habe er Unverständnis geerntet, viele hätten sich sogar noch beschwert. Die Stimmung sei gekippt, auf beiden Seiten. "Das war nicht inspirierend, nicht mehr so, dass man denkt, ich muss sofort gründen." Oberholz glaubt nicht, dass es damit zu tun habe, dass seine Gäste prekärer leben oder weniger Geld haben. Eher damit, dass Leute, die viel im Internet sind, zunehmend das Gefühl hätten, sie seien das Produkt, weil ihre Daten von Diensten und Firmen verwertet werden. "Und dann verwechseln die Leute online und offline und denken, der Mann wird schon einen Nutzen haben."

Das Internet abzudrehen komme aber nicht infrage, sagt Oberholz. Er will seine Gäste davon überzeugen, dass es sich lohnt, Geld im Café auszugeben. Indem er ihnen Ladekabel anbietet - und durch "einen übertrieben charmanten Service". Das wäre im rauen Berlin dann tatsächlich eine Innovation.

© SZ vom 31.05.2017
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