Deutsche Burschenschaften:Nazi-Gegner Bonhoeffer ein "Landesverräter"?

Diese anderen Leute. Ihretwegen ist das Milieu schon lange gespalten. Die Neue Deutsche Burschenschaft (NDB) etwa ist bereits 1996 aus ehemaligen DB-Bünden entstanden - aus Protest gegen die politische Linie des alten Dachverbandes. NDB-Sprecher Johannes Lüschow könnte sich über den aktuellen Lagerkampf im Nachbarverband eigentlich freuen. Die Abtrünnigen haben bereits Gespräche gesucht. Dennoch hält er sich im Gespräch zurück. "Wir finden es schade, dass es die Burschen nicht schaffen, Rechtsextreme auszuschließen", sagt er. Vielleicht, weil er weiß, dass das Gerede über Stammeskunde und Nazis mit Burschenband letztlich allen Korporierten schadet.

Obwohl er den Namen nicht ausspricht, bezieht sich Lüschow wohl auf Norbert Weidner. Der ist Mitglied der Bonner Raczeks und war bis zum Burschentag in Stuttgart "Schriftleiter" des Verbandorgans Burschenschaftliche Blätter, das unter seiner Führung einen harten Rechtsdrall hatte. Zum Eklat kam es, als Weidner vor etwa einem Jahr die Hinrichtung des Nazi-Gegners Dietrich Bonhoeffer als "rein juristisch" gerechtfertigt und den Theologen als "Landesverräter" bezeichnet hatte.

Hunderte Mitglieder, darunter Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer und Innenpolitiker Hans-Peter Uhl (beide CSU) forderten, Weidner rauszuschmeißen. Vergeblich. Ein Ausschlussverfahren scheiterte im Juni. Erst vor kurzem übernahm Michael Paulwitz die Schriftleitung der Blätter - als Autor der rechtskonservativen Jungen Freiheit steht auch er nicht gerade für einen moderaten Kurs. Debatten wie die über Bonhoeffer seien "unglücklich", da nicht zukunftsgewandt, erklärt Paulwitz auf Nachfrage. Über Fragen der ethnischen Zugehörigkeit von Burschen könne sich der Verband aber sehr wohl austauschen. Inhaltlich, vermutet Paulwitz, lägen die Positionen der Mitglieder "gar nicht so weit auseinander". Wenn er sich da nicht täuscht. CSU-Politiker Uhl etwa sagt, die aktuellen Nachrichten aus der DB erfüllten ihn "mit Grausen".

Anfang vom Ende der DB?

Die Lage ist verfahren. Keiner, mit dem man spricht, weiß, wie es nach der unheilvollen Rassendebatte weitergehen soll. Die von einem internen Weidner-Kritiker gestartete Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis" rechnet genüsslich vor, dass der DB bei einem Jahresetat von etwa 200.000 Euro durch die jüngsten Austritte bereits Einnahmen von etwa 35.000 Euro fehlten. Zudem würden bis zu 40 weitere Burschenschaften über einen Austritt aus der DB nachdenken. Das wäre wohl der Anfang vom Ende der mehr als hundert Jahre alten DB.

Der Einfluss der Burschenschaften, die einst angetreten waren mit dem Ziel, Deutschland zu einen, ist heute schon kaum noch wahrnehmbar. Sicher, es gibt die Gemeinschaft, wilde Feste, kostenlose Rhetorik-Seminare und günstige Studentenzimmer. Aber sonst? Wie groß ist überhaupt der Einfluss auf die Studentenschaft? Der liege "im Promillebereich", sagt Anwalt Engelke. Und meint damit nicht die burschenschaftlichen Bierduelle.

Und jetzt? Fest steht nur, welche Burschenschaft 2013 den DB-Vorsitz übernimmt: die Wiener Teutonia. Die gilt selbst innerhalb des Verbandes als stramm rechts. Eines ihrer Mitglieder ist Sprecher Tributsch. Die Austrittswelle der vergangenen Wochen bedauere er zwar zutiefst, sagt er. Viel mehr, etwa zum Thema NS-Zeit, will er nicht sagen. Das seien nur "fünf Jahre deutscher Geschichte. Über die möchte ich nicht reden." Ob er eine Meinung zur NS-Zeit hat? "Ja. Doch die sage ich nicht." Dann ist ja alles gesagt.

© SZ vom 31.12.2012/mkoh
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