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Das Geschäft mit den Opfern:Alles hat seinen Preis

Wie die Gefangenschaft Stephanie R.s verlief, wie sich Mario M. an dem Mädchen verging, daran durfte sich der Leser, der nicht dabei sein konnte, über Wochen in Bild weiden. Auch der Spiegel schilderte den fortgesetzten Missbrauch in Details, die allenfalls das Gericht etwas angehen oder eben den Voyeur, der bei solchen Fällen nie zu kurz kommt.

In diesem Reigen durfte natürlich der mit beiden Organen aufs Geschäftstüchtigste verbandelte Johannes B. Kerner nicht fehlen. Kerner, der bereits über eine gewisse Routine im Ausbeuten menschlichen Leids verfügt, interviewte die inzwischen 14-jährige Stephanie R. noch vor Prozessbeginn in seiner Sendung und warf sich wie gewohnt zum Volksanwalt auf.

Das mediale Tribunal entscheidet

Wie sollte er auch nicht: Was Recht ist und was Unrecht, bestimmt nicht mehr unbedingt das Gesetz und das Gericht, sondern das mediale Tribunal. Auch dort wird mit dem Opfer gegen den Täter verhandelt, aber während mit dem Täter meist kurzer Prozess gemacht wird, kommt das Opfer zu einem neuen, in keinem Gesetzbuch vorgesehenen Recht: Es wird berühmt. Menschliches Leid hat in der Mediengesellschaft einen Marktwert, auf den zu verzichten sich kaum ein kommerzielles Medienunternehmen leistet. Medien erheben Menschen plötzlich aus dem Dunkel ihrer Alltagsexistenz, um sie nach Gebrauch wieder fallen zu lassen.

Kein zweites Martyrium

Für diesen kurzen Aufenthalt im Scheinwerferlicht ist einigen zum Erstaunen der Beobachter nichts zu schade. Aber das wäre nur eine moralische Betrachtungsweise: Die avancierteren Mediennutzer haben begriffen, dass Aufmerksamkeit eine kostbare Ware ist und geben sich deshalb Mühe, ihr eigenes Leben möglichst warenförmig, also verkäuflich darzustellen. Kaum etwas ist vergänglicher als die Aufmerksamkeit, deshalb gilt es sie zu nutzen.

Wie zur Entschädigung für ihre Wochen in einer Holzkiste und in der Wohnung ihres Peinigers, als sie sich von Gott und aller Welt verlassen fühlen musste, wird Stephanie R. seit Monaten mit äußerster Aufmerksamkeit bestrahlt. Dieses scheinheilige Interesse für die widerwärtigen Details kann man nur deshalb nicht als zweites Martyrium bezeichnen, weil es vor allem die Familie ist, die nach der Anteilnahme der dafür dienstbereiten Medien lechzt.