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Chronologie eines Dramas:Aus der Mitte ins Nichts

Vor vier Wochen verschwand die Familie Schulze aus Drage, gefunden wurde bislang nur der Vater: in der Elbe, beschwert mit einem Betonklotz. Von Mutter und Tochter fehlt jede Spur, die Polizei ist ratlos.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Am Montag traten in der Polizeiinspektion Harburg in Buchholz, Nordheide, die Ermittler der Soko Schulze zusammen und berieten darüber, was nun weiter zu tun sei. Vier Wochen ist es mittlerweile her, dass die Familie Schulze aus Drage plötzlich verschwand. Aufwendige Suchaktionen hat die 25-köpfige Sonderkommission auf den Weg gebracht und so gut wie jeden Stein umgedreht, um herauszufinden, was passiert ist. Gefunden haben sie bisher nur Marco Schulze, 41, den Vater. Tot in der Elbe, sein Körper war mit einem Betonklotz beschwert. Aber von Mutter Sylvia, 43, und Tochter Miriam, 12, fehlt immer noch jede Spur. Den Ermittlern sind die Hinweise ausgegangen, denen sie noch nachgehen könnten, und jetzt ist die Frage, wie man mit einem Rätsel umgehen soll, zu dem es nicht einmal mehr einen richtigen Anhaltspunkt gibt.

Der Fall der verschwundenen Familie aus Drage ist außergewöhnlich, das sagt nicht nur der Polizeisprecher Jan Krüger, der in den vergangenen Wochen ständig vor Kameras und Mikrofonen Auskunft geben musste über den Stand der Suche. Das sagen auch seine älteren Kollegen aus der Dienststelle und Fachleute wie der bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer, der den Fall in der ARD zuletzt als "sehr, sehr einmalig" einstufte. An Familientragödien wird man sich nie gewöhnen, hinter jeder Vermisstenmeldung steckt ein besonderes Drama. Aber die moderne Wissensgesellschaft ist es gewohnt, dass es für alles eine Erklärung gibt und niemand einfach so verloren geht. Für das Verschwinden von Sylvia und Miriam Schulze gibt es vorerst keine Erklärung. Es sieht so aus, als seien sie tatsächlich einfach so verloren gegangen: aus der Mitte der Gesellschaft ins Nichts.

Suche nach vermisster Mutter und Tochter

Passanten beobachten, wie Polizisten auf der Suche nach der vermissten Mutter und ihrer Tochter das Deichvorland in der Nähe von Drage abgehen.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Laut Polizei soll die Familie am 21. Juli noch auf einem Pferdehof bei Drage gewesen sein. Die Discounter-Angestellte Sylvia Schulze wurde zum letzten Mal am 22. Juli gesehen. Von Marco Schulze, Angestellter in einer Chemie-Fabrik, heißt es, er sei am Morgen des 23. Juli noch im Auto seiner Frau gesehen worden. Die Vermisstenanzeige erstattet der Arbeitgeber von Sylvia Schulze am 24. Juli. Im Haus der Schulzes weist nichts darauf hin, dass die Familie spontan in den Urlaub gefahren sein könnte, die Pässe sind noch da, und so beginnt die Suche. Zunächst durchkämmen Polizisten die Gegend rund um Drage. Ergebnislos. Früher als üblich bittet die Polizei die Bevölkerung um Hinweise zu den Vermissten. Am 31. Juli melden Anwohner in Lauenburg, dass ein lebloser Körper in der Elbe treibe. Es ist Marco Schulze. Die Obduktion ergibt, dass er ohne Fremdverschulden ertrunken ist. Alles deutet darauf hin, dass er sich von der Elbbrücke bei Hohnstorf im Landkreis Lüneburg ins Wasser gestürzt hat. Unter der Brücke finden Taucher auch ein silbernes Damenfahrrad, das ein Nachbar der Familie vor geraumer Zeit überlassen hatte.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Marco Schulze einen sogenannten erweiterten Selbstmord begangen hat, "ein Tötungsdelikt mit Anschlussfreitod", wie es der Hamburger Kriminalistik-Professor Thomas Gundlach ausdrückt. Dass Schulze also erst Frau und Tochter umbrachte und dann sich selbst. Die Frage ist nur: warum? Die Ermittler der Soko Schulze haben weitflächig Informationen gesammelt über die Schulzes, bei Verwandten, Freunden, Nachbarn, Kollegen. Sprecher Krüger sagt über die Erkenntnisse nichts im Detail, weil er keine Spekulationen schüren will, nur so viel: "In der Summe ist keine Erkenntnis so ausgeprägt, dass man sagen könnte, das war der Auslöser." Keiner kann sich erklären, warum Marco Schulze eine so schreckliche Tat begangen haben sollte. Es gibt keinen Abschiedsbrief.

Polizei sucht nach verschwundener Familie

Dass Sylvia Schulze, 43, und ihre Tochter Miriam (links), 12, noch leben, hält die Polizei für unwahrscheinlich.

(Foto: Jan Krüger/dpa)

Es heißt, Marco Schulze habe Schulden gehabt. Verzweiflung könnte in der Tat sein Motiv gewesen sein, auch wenn dem Vater niemand etwas anmerkte. Selbst Verwandte und Freunde können nicht immer ins Innerste einer kleinen Familie schauen. Wer weiß schon immer, wer welche Spannungen mit sich herumträgt? "Das wird gelegentlich auch geschickt kaschiert", sagt Thomas Gundlach.

In der Kriminalgeschichte hat es schon die irrsten Wendungen gegeben, der Fall der Österreicherin Natascha Kampusch zum Beispiel hat gezeigt, dass verschwundene Kinder als Erwachsene wieder auftauchen können. Dass Sylvia und Miriam Schulze noch am Leben sein könnten, will deshalb niemand ganz ausschließen. Aber Jan Krüger nennt diese Möglichkeit "äußerst unwahrscheinlich". Die Polizei sucht nach zwei toten Frauen, nicht nach zwei lebendigen. Sie suchte das Elbufer ab und den Deich von Drage bis Laßrönne. Nichts. Erst in der vergangenen Woche kam noch mal kurzfristig so etwas wie Zuversicht auf. Die Sendung "Aktenzeichen XY . . . ungelöst" berichtete über den Fall Schulze, der Hinweis einer Zeugin führte zum Seppenser Mühlenteich in Buchholz. Suchhunde witterten dort Spuren. Es stellte sich heraus, dass alle drei Familienmitglieder am Teich waren. Nur die Spuren des Vaters führten vom Teich auch wieder weg. Mit Tauchern und einem Sonarboot suchte die Polizei den Teich ab. Wieder nichts.

Die Suche geht weiter, wenn auch nicht mehr mit der gleichen Kraft wie bisher. Vermisste gibt die Polizei nie wirklich auf. Ihre Daten bleiben gespeichert, damit man sie erkennt, wenn die verloren gegangenen Menschen doch eines Tages wieder auftauchen sollten. "Es gibt keine Verjährungsfrist in Vermisstenfällen", erklärt der Polizeisprecher Jan Krüger. Und der Kriminalist Gundlach sagt: "Man wird die Akte nie schließen."

© SZ vom 25.08.2015
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